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ex-geologist, ex-journalist for swiss public radio, now public secondary school teacher in Basel, Switzerland

Patrik Tschudin

"Am Samstag treffen sich potenzielle Vergewaltiger" auch in https://goo.gl/fic5bo von @misharrrgh Dokfilm: https://goo.gl/q6rAO7

Patrik Tschudin

Bruce @bruces Sterling's talk in at the "Haus der elektronischen Künste" on january 20, 2016: https://www.youtube.com/watch?v=CpqBd8x_xzE

Patrik Tschudin

Ja, ich unterstütze die Neue http://www.neue-bodeninitiative.ch/wir-unterst%C3%BCtzen , über die wir am 28.2. in abstimmen.

Patrik Tschudin

Uni Bibliothek gibt ihre im Netz verfügbaren Digitalisate für jede Verwendung frei: http://www.ub.unibas.ch/ub-hauptbibliothek/newsdetail/?no_cache=1&tx_ttnews%5Btt_news%5D=520&... (via @danykaufman )

Patrik Tschudin

By the way: Bruce Sterling @bruces comes to town! Am 20.1. im Haus der elektronischen Künste in http://www.hek.ch/programm/events/event/talk-bruce-sterling.html

Patrik Tschudin

Erlenmatt-Nord: Und ewig rauscht die Autobahn

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Es braucht einen baulichen Sondereffort, um die Lärmgrenzwerte am Nordende der Erlenmatt einzuhalten. Die Rampen der Nordtangente bekommen demnächst rund 700 Meter lange Lärmschutzwände verpasst. Exponierte Wohnungen lassen sich dennoch nur indirekt belüften.

(in redigierter Fassung am 12.6.2014 in der online-TagesWoche)

Erlenmatt Basel Schnappschüsse

In heissen Sommernächten bei offenem Fenster schlafen: Am Nordende der Erlenmatt, in den exponierteren unter den 174 Wohnungen des Blocks, den die Investmentgesellschaft «Patrimonium» auf das nördlichste Baufeld (G) stellt, wird das schwierig. Er ist auf drei Seiten umgeben von Autobahn, denn er befindet sich ziemlich genau im Zentrum des Halbkreises, den die Rampen der Nordtangente dort auf ihren Stelzen ziehen.

Laut Messtelle «Anschluss Wiese» des Bundesamtes für Strassen, unmittelbar beim Tunneleingang, wo die Autobahn unter den Riehenring taucht, verkehren darauf, beide Richtungen zusammengezählt, 60’000 bis 70’000 Fahrzeuge pro Tag. Tendenz: Steigend!

Erlenmatt Basel Schnappschüsse

Planungswerte nicht eingehalten

Berechnungen des Ingenieurbüros «Gartenmann Engineering», 2012 angestellt im Auftrag des baselstädtischen Amts für Umwelt und Energie (AUE), zeigen, dass auch mit 3,5 Meter hohen Lärmschutzwänden entlang der Autobahnrampen, die so genannten «Planungswerte» an den allermeisten Fassaden der geplanten Gebäude nicht eingehalten werden.

Das Erlenmatt-Areal hat der Kanton Basel-Stadt der so genannten «Empfindlichkeitsstufe III» zugewiesen. Das heisst, bei offenem Fenster sollte es tagsüber in der Fenstermitte maximal 60dB laut sein, in der Nacht 50dB. Diese Werte gelten bei jenem Fenster, das zur Belüftung der Räume dient. Die theoretischen Berechnungen von Gartenmann kommen an den Nordenden der teils erst geplanten, teils bereits in Bau befindlichen Häuser aber, trotz Lärmschutzwänden, auf Werte zwischen 67,9 dB und 57,3 dB am Tag und 61,9 dB und 50,4 dB in der Nacht. Insbesondere nachts werden die ankommenden Autobahngeräusche ergo noch zu laut sein.

Erlenmatt Basel Schnappschüsse

Eine Loggia gegen den Autobahnlärm

Darauf musste Bauherrin «Patrimonium» reagieren. Laut AUE «wird vorgesehen, dass die Räume über verglaste Loggien belüftet werden können». Eine Loggia vor der Wohnung mag ja ganz nett sein. Wenn sie in einer heissen Sommernacht aber geschlossen bleiben muss, weil’s sonst zu laut ist im Schlafzimmer, vergrault einem das die Freude daran. Matthias Nabholz, seit dem 1. Mai dieses Jahres Leiter des Amts für Umwelt und Energie, widerspricht. Die Loggiafenster dürfen auch offen sein, sodass «eine natürliche Belüftung» möglich sei. «Der Schalleinfall» werde aber «bis zum eigentlichen Lüftungsfenster reduziert».

Der Lärm von der Autobahn her wird also wohl, trotz Loggia, in so manchem Schlafzimmer des «Patrimonium»-Blocks zu hören sein, allerdings mit einer Lautstärke unterhalb des «Planungswertes». Andere Fenster, ausser jenen der Loggia und jenen zur Lüftung dahinter, lässt man in dem Block wohl besser geschlossen, denn der anbrandende Autobahnlärm wird dort an vielen Stellen über dem «Planungswert» liegen.

Erlenmatt Basel Schnappschüsse

Die Überbauung von «Patrimonium» auf Baufeld G wird aus zwei länglichen, zum Riehenring parallelen Flügeln bestehen, getrennt durch einen Innenhof. Der Westflügel, auf der Seite des Riehenrings, erhält 8 Geschosse und ist damit höher als alle anderen, bisher auf dem Areal geplanten Gebäude. Ausser in dessen Parterre ergeben dort die Berechnungen von Gartenmann für alle Etagen über dem «Planungswert» liegende Geräuschpegel an den nach Norden und nach Osten ausgerichteten Fassaden.

Unterschriften Städtebaulicher Rahmenvertrag

Vivico-Nachfolgerin bezahlt die Lärmschutzwände

Die Kosten für die zwischen 2,5 und 5,5 Meter hohen und insgesamt rund 700 Meter langen Lärmschutzwände, entlang der rechten Spur der Autobahnrampen, gehen zu Lasten der «Bautrag Infrastructure AG» in Muri bei Bern. Sie ist, nach verschiedenen Handänderungen auf der Erlenmatt in den letzten Jahren, die Rechtsnachfolgerin der ursprünglichen Bodenbesitzerin «Vivico». Im städtebaulichen Rahmenvertrag, den 2002 die damalige Baudirektorin Barbara Schneider für den Kanton Basel-Stadt mit der Deutschen Bahn und deren Immobilienverwalterin «Vivico Real Estate» unterzeichnet hatte, ist auf Seite 4 festgehalten, dass die «Finanzierung des Schallschutzes» «sei es durch Sanierung an der Quelle oder mittels Schallschutzmassnahmen auf dem Grundstück» von den Grundeigentümerinnen, resp. deren Nachfolgerinnen, getragen werden muss.

Die Baubewilligung für die Lärmschutzwände an den Rampen der Nordtangente liegt vor. Der Baubeginn ist, laut Marc Keller, Sprecher des Bau- und Verkehrsdepartements, «noch im 2014» geplant.

Erlenmatt Basel Schnappschüsse

Autobahnlärm und Zugsgerumpel

Als ob der Autobahnlärm von oben nicht schon reichen würde, führt der Tunnel der «Herzstück» genannten Zugsverbindung zwischen Badischem Bahnhof und Bahnhof SBB in der im «technischen Schlussbericht» favorisierten Linienführung genau unter Baufeld G hindurch. Ob also dereinst das dumpfe Rumpeln der Züge, à la Elsässerbahn unter der Strassbugerallee, im Block der «Patrimonium» periodisch den andauernden Autobahnlärm ergänzt, wird davon abhängen, ob dieses Milliardenprojekt realisiert wird.

Patrik Tschudin

«Glycsmomente» für die Universität Basel

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Der Universität Basel steht ein ausserordentlicher Geldsegen ins Haus. Für das Molekül eines ihrer Professoren zahlt Pfizer einem Partnerunternehmen der Uni vermutlich bald mehrere hundert Millionen Dollar. Zehn Prozent fliessen von dort weiter nach Basel. Der Anteil des Professors daran ist, finanziell gesehen, mehr wert als zehn Nobelpreise zusammen. Weitere ambitionierte Unternehmer-Professoren sind in den Startlöchern.

GLYCOMIMETICS FEATURED AS NASDAQ'S FIRST IPO OF 2014

Leicht gekürzt erschienen in der TagesWoche vom 7. Februar 2014.

Am 15. Januar 2014 ging die zwei Dutzend Angestellte zählende US-Pharma-Firma Glycomimetics an die New Yorker Technologiebörse NASDAQ und brachte 8 Millionen Aktien zu $8 unter die Leute. Der Börsengang, von der NASDAQ als erster im Jahr 2014 mit einem prominent platzierten Monsterplakat am New Yorker Times Square gefeiert, spülte netto rund $57 Millionen neues Geld in ihre Kasse. Heute ist Glycomimetics, geführt von der ehemaligen Novartis-Managerin Rachel K. King, an der Börse $175 Millionen wert, der Aktienkurs liegt bei knapp $10. Seit der Gründung am 21. Mai 2003, hautptsächlich mit Geld der US-Risikokapitalgesellschaft New Enterprise Associates, gab Glycomimetics $82,7 Millionen aus und nahm $23,5 Millionen ein. Ausser Aktien hat die Firma noch nie ein greifbares Produkt verkauft.

Glycomimetics Firmenschild

Trotzdem zahlte der Pharmakonzern Pfizer 2011 $22,5 Millionen Dollar in bar und versprach weitere $327 Millionen, plus Umsatzbeteiligung, für die weltweiten Rechte an der chemischen Verbindung mit dem Codenamen GMI-1070 im Portefeuille von Glycomimetics. Sich ausgedacht und gebaut hat das Molekül der Chemiker Beat Ernst am Biozentrum der Universität Basel.

GMI-1070 als Drahtmodell auf dem Tisch von Beat Ernst

Seit 2004 bezahlte Glycomimetics, laut Uni-Mediensprecher Matthias Geering, jedes Jahr rund $200’000 für die Arbeit von Ernst und einem Teil seiner Forschungsgruppe.

In einem Interview mit Schweizer Radio DRS2 erklärte Beat Ernst 2012, er und sein Team seien für «Design und Synthese» der Moleküle verantwortlich.

Danach wanderten diese zu Glycomimetics. Wo «an ihren Strukturen weitergearbeitet» werde und die Moleküle in Tierversuchen getestet würden. Dabei habe sich gezeigt, dass GMI-1070 äusserst effizient verstopfte Blutgefässe wieder durchlässig machen könne. Das war das klare Signal, die Substanz an Menschen auszuprobieren!

Im April 2013 schloss Glycomimetics die ersten Versuche an Patienten ab, die so genannten Phase-II-Tests. Die Substanz wurde 76 zwischen 12 und 60 Jahre alten Personen verabreicht, die an der Sichelzellenanämie leiden. Ein Symptom dieser Erkrankung der roten Blutkörperchen ist ein in Schüben auftretender, äusserst schmerzhafter Verschluss der Blutgefässe. GMI-1070 konnte diesen rascher beheben als ein Placebo, was zeigte, dass es wirkt.

Der Vertrag von Glycomimetics mit Pfizer sieht vor, dass die weiteren Tests bis zur Zulassung eines Medikaments in der Verantwortung des Pharmagiganten liegen. Laut der Übereinkunft zahlt Pfizer insgesamt $115 Millionen, wenn die ersten so genannten Phase-III-Tests beginnen (voraussichtlich Mitte 2014) und später der kommerzielle Verkauf des Medikaments in den USA und Europa anläuft. Weiter erhält Glycomimetics $70 Millionen, wenn die Zulassungsbehörden in den USA und Europa das Medikament bewilligen. Und bis $135 Millionen werden fällig, wenn gewisse Umsatzziele erreicht werden. Zudem erhält Glycomimetics einen Anteil an kommenden GMI-1070-Umsätzen. Dieser bewege sich zwischen 10% und 40%. Laut Dokumenten der us-amerikanischen Börsenaufsicht reicht er «from the low double digits to the low teens», je nach Geschäftsgang..

Von den in Aussicht stehenden $327 Pfizer-Millionen und den Umsatzbeteiligungen gehen immer 10% an die Universität Basel. So steht es im Kooperationsvertrag von 2004 zwischen Glycomimetics und Hochschule. Laut Artikel 16 der «Ordnung über Nebentätigkeiten, Vereinbarungen mit Dritten und die Verwertung von geistigem Eigentum im Rahmen der universitären Tätigkeit» sieht der uniinterne Verteilschlüssel so aus: 30% davon erhält die Universität als ganze, 30% gehen an die Organisationseinheit bei der Beat Ernst tätig ist, das Departement Pharmazeutische Wissenschaft, und 40% des Uni-Anteils an den Pfizer-Millionen stehen Ernst zu. Das ergibt im besten Fall für ihn rund $13 Millionen. Sollte sich das GMI-1070-Medikament als Umsatzrenner erweisen bei Pfizer, kommt möglicherweise noch Einiges mehr hinzu. Zum Vergleich: Bis anhin erwirtschaftet die 554 Jahre alte Universität Basel aus Lizenzen und Patenten pro Jahr rund 300’000 Franken.

Nachbarschaften

Ob der 5%-Anteil, den die Universität seit April 2013 hält an der Basler GeneGuide AG, je ähnlich ihre Kassen klingeln lassen wird, steht noch in den Sternen. Zwei Neuropsychiater der Universität, Dominique de Quervain und Andreas Papassotiropoulos, gründeten GeneGuide am 3.4.2013 in den Räumen der Advokatur Vischer mit Fr. 52'500.-. Laut ihren Statuen bezweckt die Firma «die Herstellung und den Vertrieb von Produkten und die Erbingung von Dienstleistungen auf dem Gebiet der Life Sciences, insbesondere der Neurowissenschaften.» Die GeneGuide AG ist daheim an der Birmannsgasse 8, zur Untermiete bei der Abteilung für Kognitive Neurowissenschaften der Uni Basel, wo ihre Gründer arbeiten. Die Telefonnummer der GeneGuide ist dieselbe wie jene ihres Arbeitsplatzes. Für den Tisch, den die GeneGuide derzeit belegt, zahlt sie der Universität Fr. 2’820 pro Jahr.

Unbenannt

Papassotiropoulos und de Quervain verfügen über sehr umfangreiches Datenmaterial von 2’500 zwischen 18 und 35 Jahre alten Personen, gewonnen aus Befragungen, Verhaltens- und Gedächtnistests, Gehirnuntersuchungen mit verschiedenen bildgebenden Verfahren und genetischen Analysen von Blut- und Speichelproben. Dieser Datenberg gehört der Universität Basel.

Die TagesWoche konnte den Vertrag zwischen GenGuide und Universität einsehen. Gemäss der Vereinbarung lizenziert sie diese Information bis 2028 an GeneGuide gegen den Aktienanteil und eine Umsatzbeteiligung im tiefen zweistelligen Bereich. Der Vertrag verpflichtet GeneGuide, sich aktiv für die Kommerzialisierung der Daten einzusetzen und jährlich über entsprechende Aktivitäten und Umsätze zu rapportieren. Untätigkeit wäre ein Vertragsbruch.

Papassotiropoulos und de Quervain wollen durch die geschickte Interpretation der Daten ihrer 2’500 Probanden neue, psychopharmakologische Einsatzgebiete finden für bereits bekannte Medikamente. Am 22. Oktober 2013 vermeldete die Uni Basel einen ersten Treffer: «Durch Genanalysen entdeckt: Medikament reduziert negative Erinnerungen». Die Profs hatten die etablierte, antiallergisch wirkende Substanz Diphenhydramin getestet. Sie stellten laut Uni-Communiqué fest, dass sie «zu einer signifikanten Reduktion der Erinnerungsfähigkeit von zuvor gesehenen negativen Bildern» führe. Erlebt vielleicht ein angejahrtes Anti-Histaminikum einen zweiten Frühling als «Pille danach» für traumatische Erlebnisse?

Auch bei GeneGuide hat die Industrie den Fuss in der Türe. Laut der Universität bestehe «eine erste Zusammenarbeit mit dem biopharmazeutischen Unternehmen Amgen».

Patrik Tschudin

Welche Wissenschaft wollen wir?

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Die Universität Basel schafft den Bereich Wissenschaftsforschung ab. Ein kurzsichtiger Entscheid.

(für TagesWoche Printausgabe vom 10.1.2014)

Sie geht ohne Groll, Sabine Maasen, nur noch bis Ende Januar Professorin für Wissenschaftsforschung und -soziologie an der Uni Basel. Sie schaut nach vorne. Ihr «Programm für Wissenschaftsforschung», unterwegs seit Anfang der 2000er-Jahre, wird abgewickelt. Seine Projekte am Rheinknie laufen aus. Die Mitarbeitenden, die meisten mit befristeten Verträgen, müssen weiterziehen.

Die Wissenschaftsforschung in Basel analysierte in den letzten zehn Jahren unter anderem den Entstehungsprozesses des Gesetzes über die Forschung am Menschen, untersuchte das Wissenschaftsmanagement an Schweizer Unis und beobachtete die Risikodiskussion rund um die Nanotechnologie.

In München baut Maasen ab Frühling 2014 an der Technischen Universität ein mit mehreren Millionen Euro dotiertes Zentrum zur Erforschung der wechselseitigen Beeinflussung von Gesellschaft und Wissenschaft auf, das Munich Center for Technology in Society. Für Maasen ist es ein Karriereschritt, für Basel ein doppelter Verlust.

Ungewöhnliches Vorgehen

Nicht nur verliert die Uni eine ­pro­filierte Wissenschaftlerin. Auch ihr Lehrstuhl wird nicht wieder­besetzt, sondern «aus finanziellen Gründen neu ausgerichtet». So formuliert es Roberto Lazzari, Geschäftsführer der Philosophisch-Historischen ­Fakultät.

Die Mittel der Wissenschafts­forschung verschiebt die Uni in die Politologie, dort zugunsten ­einer zweiten Professur. Die zuständigen Gremien der Universität fassten den Beschluss im Frühling 2013, als intern bekannt wurde, dass ­Maasen nach München wechseln würde.

Dass Hochschulen bei Abgängen die Budgetzuteilung unter die Lupe nehmen, ist courant normal. Dass ein Forschungsfeld bei der Gelegenheit aber gleich ganz gestrichen wird, ist eher ungewöhnlich. Im Fall der Wissenschaftsforschung in Basel war es eine Abschaffung mit Ansage.

Als der Universitätsrat im Herbst 2012 den Trägerkantonen Basel-Stadt und Baselland unterbreitete, was die Uni an Geldern brauche, um ihre auf sechs Schwerpunkten fus­sende, seit 2011 entwickelte «Strategie 2014» voll umzusetzen, kam er bis 2017 auf einen Mehrbedarf von 55 Millionen Franken pro Jahr. Das fand selbst er «nicht realistisch», wie es im Antrag heisst, und drückte den Betrag von sich aus auf 20 bis 30 Millionen. Als ein Mittel dazu stellte er in Aussicht, bis 2017 gut 15 Millionen Franken einzusparen «durch Verzichtsplanung bei vakant werdenden Professuren». Also mittels Stellenabbau und -umlagerung.

Feilschen ums Geld

Das reichte den Regierungen in Liestal und Basel aber nicht, und sie kürzten der Universität die beantragten Beitragserhöhungen «deutlich», wie sie in ihrem Beschluss vom 27. August 2013 schreiben. Die Uni wünschte, dass von 2014 bis 2017 die Kantonsbeiträge von 324 auf 356 Millionen Franken pro Jahr steigen sollen. Davon liessen die Regierungen ein Wachstum von 321 auf 329,5 Millionen übrig. Dieses reduzierte Wachstum der Uni bis 2017 segneten die Parlamente in Basel und Liestal Mitte Dezember ab.

In dieses Feilschen zwischen Universität und Regierungen um die Beitragserhöhungen hinein erhielt Sabine Maasen das Angebot aus München. Den uniinternen Entscheidern, wohl ahnend, dass ihre finanziellen Begehrlichkeiten nicht im gewünschten Masse befriedigt würden, kam dies offenbar gelegen. Sie exerzierten durch, was sie in ihrem Antrag mit «Verzichtsplanung bei vakant werdenden Professuren» gemeint hatten. Das bedeutete das Aus für die Selbstreflexion der Wissenschaft an der Universität Basel.

Kein Interesse für Ab- und Umbaupläne der Uni

Der Entscheid fiel faktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Zwar ist der Universitätsrat verpflichtet, das Organ der Oberaufsicht über den Universitätsvertrag zwischen Baselland und Basel-Stadt, die Interparlamentarische Geschäftsprüfungskommission (IGPK), «umfassend und rechtzeitig zu informieren im Rahmen ihrer Zuständigkeiten». Aber IGPK-Mitglied Urs Müller-Walz vom Grünen Bündnis hatte bis zur Anfrage der TagesWoche «keine Kenntnis davon, dass der Bereich Wissenschaftsforschung gestrichen werden soll». Er hält es für einen «Affront gegenüber den politischen Entscheidungsträgern im Landrat und im Grossen Rat, dass darüber nicht informiert wurde». Und er fordert, die kritische Auseinandersetzung mit der Forschung müsse für die Universität «zentral sein und auch in Zukunft bleiben», sonst sei «die Gefahr einer unkontrollierten Verselbstständigung der Forschung real».

Der «Fall Wissenschaftsforschung» ist der erste, der öffentlich wurde. Weitere «Umlagerungen» werden wohl folgen. Zwar wissen die Parlamente in Basel und Liestal, dass Professuren gestrichen würden, seit ihre Mitglieder den regierungsrätlichen Ratschlag zur Uni-Finanzierung Ende August 2013 auf den Tisch bekamen. Aber weder in Basel noch in Liestal erhob sich ­bisher eine parlamentarische Stimme und verlangte Auskunft über die konkreten Ab- und Umbaupläne an der Universität. Dass davon die Hätschelkinder des von Pharma- und Industrieinteressen dominierten Universitätsrats, die Life Sciences, ausgenommen sein werden, ist so ­sicher wie das Amen in der Kirche.

Dabei wären gerade vor diesem Hintergrund jene Fragen zu diskutieren, über die Ueli Mäder, Sozio­logieprofessor an der Uni Basel, sagt, sie würden nach der Streichung der Professur von Sabine Maasen hier weniger erforscht: «Wie kommen wir zu unseren Erkenntnissen? Wie hängen Erkenntnis und Interesse zusammen?»

Patrik Tschudin

Das Aus für die Wissenschaftsforschung an der Uni Basel

7 min read

Die Universität Basel streicht das «Programm für Wissenschaftsforschung». Sein Budget fliesst ans Europainstitut. Zehn Mitarbeitende stehen auf der Strasse. Die Politik wurde nicht informiert über die Abschaffung der wissenschaftlichen Selbstreflexion.

(für TagesWoche online, 6.1.2014)

Wie tickt Wissenschaft? Was treibt ihre Akteure an? Wo wirkt die Einmischung von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft?

Solchen Fragen ging seit zehn Jahren das Basler «Programm für Wissenschaftsforschung» nach, geleitet von Sabine Maasen. Sie war seit 2001 an der Universität Basel tätig, seit 2009 als ordentliche Professorin für Wissenschaftsforschung. Nun wechselt Maasen nach München, wo sie die Leitung des im Aufbau befindlichen Munich Center for Technology in Society übernimmt.

Maasens damit in Basel frei werdenden Lehrstuhl streicht die Universität. Die Wissenschaftsforschung wird abgeschafft. Laut einem Insider seien deswegen rund zehn Personen in Basel «kurz- oder mittelfristig ohne Stelle als Folge des Weggangs».

Das «Programm für Wissenschaftsforschung» analysierte in den letzten zehn Jahren unter anderem den Entstehungsprozesses des Gesetzes über die Forschung am Menschen, es untersuchte das Wissenschaftsmanagement an Schweizer Unis und betrieb Studien zur Kulturgeschichte der Ernährungswissenschaften.

«Wir kennen keine Abschaffung»

Gefragt nach den Gründen für die Streichung der wissenschaftlichen Selbstreflexion, sagt Uni-Kommunikationschef Matthias Geering: «An der Universität Basel kennen wir keine Abschaffung von Bereichen; vielmehr ist es so, dass die verschiedenen Gremien (Departement, Fakultät, Rektorat) sich bei jeder Neubesetzung über die Ausrichtung der neuen Professur – ob im Sinne der Fortsetzung der bestehenden Ausrichtung oder im Sinne einer Neuorientierung – Gedanken machen.»

Dabei seien diese Gremien zum Schluss gekommen, dass man «den für die Entwicklung der Sozialwissenschaften wichtigen Bereich der Politologie festigen» wolle und darum das Budget der Wissenschaftsforschung dorthin umlagern werde. Die künftig mit dem Budget von Maasen alimentierte neue Professur für Politikwissenschaften ist bereits ausgeschrieben. Die Bewerbungsfrist endet am 15. Januar.

«Gemäss unseren Informationen stehen keine Mitarbeitende auf der Strasse», schreibt Geering in einer Stellungnahme zu den Umlagerungen. «Es kann sein, dass gewisse befristete Verträge auslaufen. Weder mir noch dem Geschäftsführer der Philosophisch-Historischen Fakultät, Roberto Lazzari, noch der Personalabteilung sind aber Kündigungen von unbefristeten Verträgen bekannt.»

Die Politologie steckt in Basel bisher in den Kinderschuhen.

Die Politologie steckt bisher in Basel «in den Kinderschuhen», wie Roberto Lazzari, Geschäftsführer der Philosophisch-Historischen Fakultät, es auf Anfrage ausdrückt. Erst seit knapp einem Jahr existiert eine einzelne ordentliche Professur für Politikwissenschaft an der Uni Basel, gehalten von Laurent Goetschel, Direktor der Schweizerischen Friedensstiftung Swisspeace. Diese Professur ist am Europainstitut beheimatet.

Ein fachkundiger, namentlich nicht genannt sein wollender Beobachter setzt grosse Fragezeichen hinter diese Umlagerung. Er fragt sich, «wie Basel im Bereich der Politologie in der Schweiz oder international irgendwie auffallen» könne. Andere Universitäten seien da viel besser aufgestellt.

Ein vergleichender Blick auf die ausgebauten politikwissenschaftlichen Angebote der Hochschulen in Bern, Genf, Lausanne, Zürich, St. Gallen und Luzern bestätigt, dass jenes in Basel zwar ambitioniert, aber doch eher bescheiden ist.

Neuausrichtung aus finanziellen Gründen

Mit der «aus finanziellen Gründen notwendig gewordenen Neuausrichtung» der Professur für Wissenschaftsforschung «geht eine Schwächung dieses Bereiches einher», gibt Geschäftsführer Lazzari zu. Die Fakultät bedauere diese Entwicklung. Die Umlagerung der Mittel diene unter anderem der «Stärkung und Neupositionierung des Europainstitiuts Basel (EIB)», sagt Lazzari.

Das EIB nennt sich seit einigen Monaten Institute for European Global Studies. Unter «internationale Kooperationspartner» listet das Institut mit – neuerdings – dem «Global» im Namen allerdings erst die East China Normal University of Shanghai, den «Cluster Asien und Europa» der Universität Heidelberg und das auf Chinesischunterricht und Wirtschaftsaustausch spezialisierte, je zur Hälfte vom chinesischen Staat und der Uni Basel finanzierte Konfuzius-Institut am Steinengraben auf.

Europainstitut hat bessere Lobby

In Stiftungsrat und Förderverein ist das EIB durchsetzt mit den «üblichen Verdächtigen» aus Wirtschaft, Politik und Advokaturbüros der Nordwestschweiz (Roche, Novartis, UBS, Baloise, Vischer Advokatur etc.). Das EIB vermittle «Kompetenzen, die sich die Wirtschaft von ihren Mitarbeitern wünscht», lässt sich Thomas Staehelin, Präsident der Handelskammer beider Basel, auf der EIB-Website zitieren. So aufgestellt, hatte das EIB offenbar die bessere Lobby im universitätsinternen Verteilkampf. Es stach die selbstkritische Wissenschaftsforschung aus.

«Ziemlich deprimierend»

An der ETH Zürich befasst sich Michael Hagner hauptamtlich mit diesem Forschungszweig. Er konstatiert, dass nach der Streichung der Professur in Basel «die soziologisch orientierte Wissenschaftsforschung in der Schweiz überhaupt nicht mehr vertreten» sei, «was dann doch ziemlich deprimierend» sei. Übrig blieben laut Hagner «die eher epistemologisch orientierten Professuren von Christoph Hoffmann in Luzern, Bruno Strasser und Marcel Weber in Genf und meine Stelle».

Hagner beobachtet, dass man sich «vor 25 und auch noch vor 10 Jahren» dafür interessierte, «welche kognitiven, technischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Triebkräfte für die Dynamik und Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnis relevant sind». Heute habe er «den Eindruck, dass sich für diese Frage nicht mehr allzu viele Wissenschaftsplaner und -manager interessieren».

Stattdessen wollten diese wissen, «welche sozialen und ökonomischen Auswirkungen» Wissenschaft und Technologie hätten. Natürlich sei diese Frage relevant, «aber man tut so, als könnte man sie hinreichend gut beantworten, ohne die Verfasstheit der Wissenschaften selbst zu kennen». Er denke, «dass man mit dieser halbierten Fragestellung nicht allzu weit kommt.»

Ueli Mäder hält Wissenschaftsforschung für «unabdingbar»

An der Universität Basel bedauert Soziologieprofessor Ueli Mäder die Streichung der Professur von Sabine Maasen. Er hält für die Uni Basel eine Wissenschaftsforschung für «unabdingbar, die wirklich die Selbstreflexion fördert, gerade im Kontext des raschen technologischen und sozialen Wandels». Künftig würden wichtige Fragen – «Wie kommen wir zu unseren Erkenntnissen? Wie hängen Erkenntnis und Interesse zusammen?» – in Basel weniger erforscht.

Laut Mäder gibt es in der Philosophisch-Historischen Fakultät «immerhin eine (kleine) Debatte darüber, wie sich dieses wichtige Anliegen wieder stärker aufnehmen liesse». Und er ergänzt, seine Fakultät habe die «zu begrüssende» Politikwissenschaft ursprünglich über zusätzliche Mittel aufbauen wollen. Nicht auf Kosten eines bestehenden Angebotes.

Parlamente überlesen Streichkonzert an der Uni

Mitte Dezember 2013 genehmigten die Parlamente von Basel-Stadt und Baselland rund 1,2 Milliarden Franken, die in den kommenden vier Jahren an die Universität Basel fliessen. Im entsprechenden Ratschlag des baselstädtischen Regierungsrates und wortgleich in der Vorlage an den Landrat war an mehreren Stellen davon die Rede, dass die Uni mehrere Professuren sowohl streichen als auch umdefinieren werde. Fünf Millionen Franken würden so eingespart und neun Millionen Franken umgelagert. Welche Bereich davon konkret betroffen sein würden, führte weder die baselstädtische noch die basellandschaftliche Vorlage aus.

Weder in Basel noch in Liestal stellte im Parlament jemand die Frage, was denn an der Universität gestrichen und umgelagert werde. Es interessierte nicht, wer an der Uni, der man gerade 1,2 Milliarden Franken an Staatsbeiträgen bewilligte und der man eine Erhöhung der Studiengebühren um über 20 Prozent aufnötigte, zu den forschungspolitischen Verlieren gehören wird, geschweige denn, warum.

Unangekündigte Streichung ein «Affront» gegenüber der Politik

Schirmherrin über den Universitätsvertrag zwischen Basel-Stadt und Baselland ist die Interparlamentarische Geschäftsprüfungskommission (IGPK). Das oberste Organ der Universität Basel, der Universitätsrat, präsidiert von Ulrich Vischer, ist laut Universitätsvertrag verpflichtet, die IGPK «umfassend und rechtzeitig zu informieren im Rahmen ihrer Zuständigkeiten».

IGPK-Mitglied Urs Müller-Walz vom Grünen Bündnis hatte bis zur Anfrage der TagesWoche «keine Kenntnis, dass der Bereich Wissenschaftsforschung gestrichen werden soll», wie er sagt. Müller-Walz hält es für einen «Affront gegenüber den politischen Entscheidungsträgern im Land- und Grossrat, dass darüber nicht informiert wurde». Bei der Wissenschaftsforschung gehe es «zentral um die kritische Begleitung der Modeausrichtung Life Sciences».

Gefragt danach, wie er die Abschaffung dieses Forschungszweiges an der Uni Basel inhaltlich bewerte, gibt IGPK-Mitglied Müller-Walz zu Protokoll: «Die kritische Auseinandersetzung mit der Forschung muss für die Universität zentral sein und auch in Zukunft bleiben, sonst ist die Gefahr einer unkontrollierten Verselbständigung der Forschung real. Die IGPK ist gefordert.»

Patrik Tschudin

Erlenmatt: A la recherche des chances perdues et prises

12 min read

2013 ist wahrscheinlich der letzte Sommer, in dem die Erlenmatt noch Reste von Off-Location-Charme, In-Place-Groove und Freiraum-Appeal besitzt. Die Bagger graben gerade den Westteil um. Bis in ein paar Jahren ist das ehemalige Bahn- und Industriegelände domestiziert.

Erlenmatt Luftaufnahme

Das eiskalte Kalkül der Berner «Bricks Immobilien AG» ist aufgegangen. Im Sommer 2010 investierte sie in 22’640 Quadratmeter beim Riehenring. Den Boden kaufte sie von der deutschen «Vivico», die seit ihrem Verkauf durch die Deutsche Bahn 2007 eine Tochterfirma der österreichischen Immobiliengesellschaft «CA Immo» ist. Jetzt nehmen ihr Pensionskassen, Versicherungen und Immobilienfonds das Land ab, um drauf zu bauen. Die Rendite in den nur drei Jahren: Der Sechser im Immobilien-Lotto für die Aktionäre der «Bricks». So geht das!

Die neuen Herren von «Erlenmatt West» heissen - laut Bauverantwortlichen vor Ort - Securitas Pensionskasse, «Edifondo» (PK Losinger-Marazzi), Berner Gebäudeversicherung, Vaudoise Versicherung, Next Immobilien, Helvetic Trust, Credit Suisse Immobilienfonds und «Patrimonium» Anlagestiftung. In ihren Taschen landen künftig die Mieteinnahmen. Gemeinsam investieren sie rund 240 Millionen Franken in Land und neue Häuser. 574 Wohneinheiten baut «Losinger-Marazzi» bis Ende 2015. 48 stehen für 650’000.- bis 930’000.- unter dem Label «Erlengrün» zum Verkauf im Stockwerkeigentum. Das Seniorenheim, unmittelbar nördlich der «Swiss International School», erhält 119 Zimmer. Geführt wird es von «Senevita», die ihre Firmenadresse in Muri bei Bern teilt mit «Bricks». Die Lärmschutzwand in der Kurve der Nordtangentenrampe kommt - vielleicht - 2014.

Städtebaulicher Rahmenvertrag

Ende 2002 unterschrieb Regierungsrätin und Baudirektorin Barbara Schneider für den Kanton mit den damaligen Grundeigentümerinnen, der Immobiliengesellschaft der Deutschen Bahn und der Vivico Real Estate, bis 2007 Tochterfirma der DB, den «Städtebaulichen Rahmenvertrag».

Unterschriften Städtebaulicher Rahmenvertrag

Das Dokument, ein wichtiger Meilenstein, hält der Kanton bis heute unter Verschluss. Begründung: «Bricks», Rechtsnachfolgerin von «Vivico», sei gegen die Publikation. Nur ein kleiner Personenkreis kennt seinen Inhalt. Der Vertrag schreibt fest, was die städtplanerischen Wettbewerbe und öffentlichen Diskussionen in den Jahren vor 2002 für die Erlenmatt als Resultate ergeben hatten. Damit setzte er die Leitplanken für alle späteren Entwicklungen (Umzonung 2004, Bebauungsplan 2004, Regierungsratschläge, Volksabstimmung 2005 etc. pp.).

«Wenn ich heute über die Erlenmatt spaziere», sinniert der Geograph Martin Sandtner, seit 2009 Leiter des baselstädtischen Planungsamtes, «erlebe ich ein neues Stück Stadt, mit einem grossen Park, Spielmöglichkeiten für Kinder und einem bereits seit 2009 bezogenen Neubau mit 239 Wohnungen.» Er sehe «ein Stück Stadt, in dem sich bereits heute gut leben lässt, in dem aber auch viel Dynamik spürbar ist».

Irène Meier (Name geändert) wohnt in einer der 239 Wohnungen im «Erlentor» der «Publica» (Pensionskasse des Bundes). Sie bezahlt knapp über 1’000.- für ihre 2 ½-Zimmer auf 53 Quadratmetern. Die Verwaltung («Privera») schrieb ihr in den Vertrag, Baulärm sei kein Grund für eine Mietzinsreduktion.

Erlenmatt

Wie lange die Bagger unterwegs sind, weiss Irène nicht, darüber hat die «Privera» sie nicht informiert. «In letzter Zeit war es recht staubig wegen der Bauerei», erzählt sie. Mit dem Stichwort kommt Wind auf, langgezogene, ockerfarbene Wolken ziehen über das Areal. «Manchmal legen die Bagger schon frühmorgens los.» Trotzdem lebt Irène gerne hier, auf Basels grösster Baustelle, sagt sie vor ihrer Haustüre.

Drei weibliche «FaBe» (Fachpersonen Betreuung) spazieren im Schneckentempo vorbei, neun ihnen anvertrauten Dreikäsehochs im Schlepptau. Die Kinder tragen alle merkwürdige Gstältli. An den Gstältli hängen Leinen. Die Leinen enden in den fürsorgelichen Händen der «FaBe»s. Kein schöner Anblick. Hunde dürfen frei rumrennen auf der Erlenmatt, diese Kinder nicht.

Das Krippengeschäft laufe sehr gut im «Erlentor», ist von Betreuenden zu hören. Novartis, Roche und Syngenta halten den Tagesheimen Kundschaft zu. Die Novartis hat im «Erlentor» gleich 40 möblierte Wohnungen gemietet für Expats. Die sind froh, wenn sie ihren Nachwuchs ganz nahe unterbringen können.

Krokodilstränen

«Lediglich bezüglich Wohnungsmix hätten wir uns seitens Kanton mehr grosse, familientaugliche Wohnungen gewünscht», urteilt Planungsamtchef Sandtner heute über die Blocks, an denen «Losinger-Marazzi» jetzt baut. Krokodilstränen? Verwaltung, Regierung und Parlament hatten es über viele Jahre in der Hand, genau das verbindlich zu fordern. Sie unterliessen es aber bereits 2004, im Bebauungsplan für die Erlenmatt entsprechende Vorgaben zu formulieren. Dort steht nichts zum «Wohnungsmix».

Der Bebauungsplan trat in Kraft, als im Februar 2005 das von rechtsbürgerlichen Kreisen lancierte Referendum gegen den Umzongungs-Ratschlag scheiterte. Die Abstimmungsunterlagen der Regierung versprachen ein «zeitgemässes Wohnungsangebot», «insbesondere für Familien ideal». Eine wasserdichte Grundlage für das Versprechen existierte nie.

Luc Saner, ehemaliger FDP-Grossrat und 2004 Mitglied im Referendumskomitee «gegen die ‘Ghettoisierung’ der Erlenmatt», rechnete damals in der BaZ vor, es würde den Kanton nur rund 15 Millionen kosten, das ganze Areal zu kaufen. Alt-Regierungsrat Karl Schnyder (DSP), Luc Saner, Angelika Zanolari (SVP) und http://www.erlenmattghetto-nein.ch/komitee.html" target="_blank">ihresgleichen träumten von einem grossen See, samt Sandstrand, und Einfamilienhäuschen, da wo jetzt die Wohnblocks aus dem Boden wachsen. Ihr Schlachtruf: «Eine Seele für Basel!».

Beat Jans auf der anderen Seite, damals Präsident der SP-Basel-Stadt, heute SP-Nationalrat, sekundierte seiner Genossin, Baudirektorin Barbara Schneider. Er behauptete am 31. Januar 2005 in der BaZ, der Kanton müsse bei Annahme des Referendums abschreckende 300 Millionen investieren, um das Areal zu übernehmen. Das Referendum scheiterte, Team «Schneider / Jans» gewann. Der Erlenmatt-Zug fuhr weiter, wie im «Städtebaulichen Rahmenvertrag» vorgezeichnet: Die Filetstücke für den Hausbau gehen in grossen, teuren Einheiten an kapitalkräftige Investoren, darunter heute «Bricks Immobilien AG» und Stiftung «Habitat». Der Kanton hübscht ihnen mit öffentlichen Geldern das Umfeld auf, zahlt für Grünflächen, Strassen, Plätze und Schulhaus.

Kostenüberschreitung

Zwei Jahre nach der Abstimmung schrieben Patrick Marcolli und Christian Mensch 2007 in der BaZ: «Das neue Stadtquartier kostet die Stadt Basel deutlich mehr als geplant.» Zu verantworten habe das «zu einem rechten Teil das Baudepartement». Statt des Nullsummenspiels aus 60 Millionen Einnahmen im Mehrwertfonds und gleich hohen Ausgaben für Landkauf und Umgestaltung, muss der Kanton schon damals 20 Millionen drauflegen. Ihre Fehlkalkulation brachte Schneider Mitte Oktober 2007 Schelte im Grossen Rat ein. Die Zusatzmillionen gewährte er ihr trotzdem.

Inzwischen gibt Schneiders Nachfolger, Hans-Peter Wessels, unumwunden zu, ein «zentrales Problem» der Erlenmatt sei, «dass der Kanton den Boden nicht gekauft hat». In der «Schweiz am Sonntag» vom 28.4.2013 erklärt er, das habe «zu einem komplizierten Dreiecksverhältnis zwischen dem Entwickler, den privaten Investoren und dem Kanton» geführt. Wie in jedem Dreiecksverhältnis, blieb auch hier einer auf der Strecke: «Das Erlenmatt-Areal wurde von einer Firma übernommen, welche die Arealentwicklung selbst in die Hand genommen hat.» Er kann nur «Bricks» meinen. UPDATE: Das war eine Fehlinterpretation meinerseits, Pardon. Er meint die "Vivico", wie er mir mitteilte.

Die Berner Firma «Bricks Immobilien AG» kaufte 2011, zusätzlich zu den 22'640 Quadratmetern Erlenmatt, die sie schon besass, die Parzellen 3136, 3148 und 2149 von «Vivico», Tochterfirma des österreichischen Immobilienkonzerns «CA Immo» seit dem Verkauf durch die Deutsche Bahn 2007. Das waren zusammen nochmals rund 38’000 Quadratmeter. Als der Regierungsrat am 20. Dezember 2012 verkündete, das Projekt «Twix» habe den Architekturwettbewerb um das Primarschulhaus gewonnen, gehörte der Boden, auf dem es zu stehen kommen sollte, Parzelle 3136, nicht «Immobilien Basel-Stadt» (IBS).

Erlenmatt

Hinter den Kulissen rang der Kanton bis Anfang 2013 mit «Bricks» um die Schulhausparzelle. Der Konflikt eskalierte. «Verkauf Grundstück durch Bricks Immobilien an IBS könnte zu einem Enteignungsverfahren führen», notierten Kantonsangestellte in ihren Protokollen. Schliesslich lenkte «Bricks» aber doch noch ein und trat den Boden an IBS ab, zum Quadratmeterpreis, wie er im Rahmenvertrag festgelegt ist: Fr. 120.-, plus Teuerung seit 2002.

Und dann wär da noch das seit Jahren versprochene Einkaufszentrum Ecke Erlenstrasse / Schwarzwaldallee.

Erlenmatt

Mit jedem Nachhaken bei der Firma «Multi Development», wandert dessen Baubeginn nach hinten. Vor wenigen Tagen schrieb die Pressesprecherin von «Multi»: «Wir gehen davon aus, mit dem Bau der Erlenmatt Galerie Ende des Jahres 2013 beginnen zu können.» Im April, vor drei Monaten, lag der auf dieselbe Frage genannte Termin noch drei Monate früher: «Darüber hinaus halten wir weiterhin an unseren Planungen fest im Herbst 2013 mit dem Bau der Erlenmatt Galerie zu beginnen.»

So soll das Einkaufzentrum auf der Erlenmatt aussehen

Dass die Regierung sich mit dem Rahmenvertrag in entscheidenden Punkten selbst entmachtet hatte, schien erneut durch im September 2012, in ihrer Antwort auf eine Interpellation von Urs Müller (Grünes Bündnis). Er hatte wissen wollen, wie sie es halte mit ihrem Versprechen von 2005, auf der Erlenmatt würde ein «zeitgemässes Wohnungsangebot, insbesondere für Familien» entstehen. Schnippisch schrieb die Regierung zurück, es sei 2004 im Ratschlag für die Umzonung der Erlenmatt nirgends eine Mindestzahl für 4-Zimmer-Wohnungen definiert worden. Der «Wohnungsmix» werde «von den Investoren unter Berücksichtigung der Marktsituation definiert». Ausgedeutscht: «Bricks» und Konsorten sagen, wo’s lang geht. Familienwohnungen? Danach solle man bei der «Stiftung Habitat» suchen: «Bei der Überbauung der Stiftung Habitat geht der Regierungsrat davon aus, dass die Stiftung Wert darauf legt, dass ein grosser Anteil an Familienwohnungen erstellt wird.»

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Bei «Habitat» wird tatsächlich anders geplant, als bei «Bricks» und Konsorten. Patrizipativer, kleinteiliger, nicht profitorientiert, wie ihrer Website «Erlenmatt Ost» zu entnehmen ist. Die Stiftung steht in Gesprächen mit verschiedenen Wohnbaugenossenschaften. Ein Haus für Studierende, samt öffentlicher Schwimmhalle im Tiefparterre ist in Planung. Ihren Boden verkauft die Stiftung nicht weiter, sondern gibt ihn im Baurecht ab. Das klingt sympathisch und liegt im freien Ermessen der Stiftung. Zu sagen hat die Regierung dazu, wie auch zum ganz anderen Vorgehen der «Bricks», nur noch sehr wenig.

Barbetriebe

Die provisorische open-air-Bar «Sommerresidenz» im Nordteil der Erlenmatt, nutzt Habitat-Boden, temporär. Wirt Jonas sitzt an der Theke. Er macht den DJ an iPhone und Macbook. Demnächst treffe er Stiftungsvertreter, um zu besprechen, wie’s nächstes Jahr weitergeht, erzählt er nebenher. Er rechnet sich gute Chancen aus, auch 2014, seinem vierten Jahr auf der Erlenmatt, Gäste empfangen zu können.

Wirtin Céciles «Sonnendeck» gegenüber liegt auf «Bricks»-Boden. Sie sieht schwarz für 2014. Allerdings sah sie das schon 2012 für 2013, gesteht sie schmunzelnd an ihrer Theke. Der Kontaktmann bei «Bricks» sei im Grunde recht umgänglich. Nur als sie letztes Jahr die Bar-Infrastruktur nach der Saison nicht abgerissen hätten, obwohl er es angeordnet habe, da sei er grantig geworden. Trotzdem habe er ihnen für 2013 grünes Licht gegeben, allerdings mit dem Zusatz «zum letzten Mal».

Der Barbesucher neben Cécile zeigt auf das kleine Backsteinhaus hinter der «Bahnkantine» (ehem. «Erlkönig»). «Die müssen definitiv Ende September 2013 raus», erklärt er. Wo jetzt noch die Samtvorhänge des «CIRQUITvulcanelli» hängen, fahren im Oktober die Bagger auf und machen alles platt. Die Lastwagen von «Losinger-Marazzi» brauchen Zugang auf die Baufelder von Norden her.

Kay, Wirt und Mieter der «Bahnkantine», hat’s da besser. Boden und Haus gehören dem Kanton. Der liess Gebäudehülle und Elektroinstallation sanieren. Kay investierte in Küche und Inneneinrichtung. Seit September 2012 läuft sein Geschäft ganz passabel, erklärt Kays Mutter, die grad Pflanzen eintopft rund um’s Haus. Ab 9 Uhr morgens sei offen. Bauarbeiter, Geschäftsleute und Anwohner fänden problemlos den Weg. Sie freut sich schon auf die 400 Kinder des Bläsischulhauses. Die Rasselbande wird nach den Sommerferien ihr Schulhausprovisorium schräg vis-à-vis der Bahnkantine bevölkern für - mindestens - ein Jahr. Kays Mutter schaut auf von der Gartenarbeit, streicht sich mit ihren schwarzen Händen die Haare aus dem Gesicht. «Ich geniesse die freie Sicht über das Gelände!», sagt sie und blickt nach Süden, Richtung «Bricks»-Baufelder. «Ich sehe fast bis nach Hause!» Dann schweigt sie. Und nur noch Vogelgezwischer und Autobahnlärm sind zu hören, beide gleich laut.

Klaus Anton, seit 1998 (!) Mitglied der «Begleitgruppe» zum Erlenmattprojekt, wartet beim hölzernen Kletterturm des Spielplatzes, mitten auf dem Areal. Grossrat Urs Müller stösst dazu. Bei der «Bahnkantine» unter den Sonnenschirmen gibt’s Cappuccinos. Klaus Anton und Antoinette Voellmy, ebenfalls langjähriges Begleitgruppenmitglied und Quartierbewohnerin, hatten Einsprachen eingelegt gegen das Baugesuch für die «Bricks»-Areale. Sie störten sich an den fehlenden Familienwohnungen und der Inexistenz eines ökologischen Konzepts im Sinne der 2’000 Watt Gesellschaft. Nach neun Monaten Funkstille erhielten sie aus dem Bauinspektorat Bescheid: Sie seien nicht einspracheberechtigt, an Oettlinger- und Efringerstrasse wohnten sie zu weit weg.

Der kürzlich preisgekrönte Park gefällt Klaus Anton gut. Aber dass beim bestehenden «Erlentor», und den kommenden Blocks auf «Bricks»-Boden, mit ca. 10'000 Quadratmetern Dachfläche, naheliegende Dinge wie Solarpanels für Strom- oder Wärmegewinnung oder eine Regenwassersammelanlage fehlen, findet er nicht nachvollziehbar.

Drei Ratschläge

Aus seiner langjährigen Erfahrung mit dem Erlenmatt-Prozess gibt er jenen, die sich bei anderen Entwicklungsgebieten - Stichwort: Hafen - engagieren, drei Ratschläge mit auf den Weg. «Der Kanton muss den Boden besitzen, um den es geht. Abmachungen zwischen Bevölkerung, Politik, Kanton und Investoren müssen präzise formuliert und transparent kommunziert werden. Und die Engagierten müssen am Ball bleiben können. Sonst geraten sie gegen die Profis aus Politik, Verwaltung und Investorenkreisen immer ins Hintertreffen.» Grossrat Urs Müller nickt zustimmend.

Die Zeit vergeht, es wird Abend auf dem Erlenmatt-Areal. Und dann plötzlich, über der Wiese des preisgekrönten Parks, aus dem Nichts aufgetaucht: abertausende Maikäfer. Teenager, die eben erst noch im Kreis auf dem Gras sassen und quatschten, springen auf, wie von der Tarantel gestochen. Die Mädchen rennen kreischend davon, die Jungs reissen sich das T-Shirt vom Leib, versuchen die Brummer damit zu erschlagen. „Die stäche, Mann!“ ruft einer tatsachenwidrig. Ist 2013 ein Flugjahr? Maikäfer, mitten in der Stadt! Ihr tiefes Brummen erfüllt die Luft. Sie fliegen torkelnd über die Wiese und durch die Büsche.

Die Katze hinter dem Balkongitter im zweiten Stock des «Erlentor» fixiert ein älteres Paar auf der Strasse. Die zwei machen ihren Abenspaziergang, beide am Rollator. Gemächlichen Schrittes gehen sie an einem jungen Pärchen vorbei, das auf einem Betonklotz sitzt. Sie ist schwanger. Auf dem Betonklotz nebenan sitzt ein anderes Pärchen. Sie ist noch nicht schwanger. Ein Grossvater schiebt einen Babywagen aus einem Erlentor-Hauseingang, darin seine bezaubernde Enkelin. Er hebt sie hoch, flüstert ihr etwas ins Ohr, und senkt sie wieder in das Gefährt. Fledermäuse huschen im Zickzack über den Abendhimmel. Mauersegler pfeilen vorbei und ziehen ihren langen, hohen Schrei hinter sich her. Im Westen leuchtet das Logo der Senf-Fabrik. Davor ragt der Abgaskamin der Autobahn nutzlos ins glühende Abendrot.

Patrik Tschudin

Die Beschäftigtenstatistik: ein (halb)blinder Fleck der baselstädtischen Wirtschafts- und Sozialpolitik?

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BASF und andere bauten und bauen in letzter Zeit massiv Stellen ab auf dem Platz Basel. Das führt fast natürlicherweise zur Frage:

Wieviele Menschen arbeiten eigentlich in welchen Branchen in Basel-Stadt? Und wie haben sich diese Verhältnisse verändert über die letzten Jahre?

So umittelbar einleuchtend es erscheint, dass eine aktuelle, laufend nachgeführte Statistik mit den effektiven Zahlen der im (nicht beim!) Kanton Beschäftigten (vielleicht sogar aufgeteilt nach Branchen) eine relevante Kenngrösse wäre zur Beurteilung der ökonomischen Prosperität dieser politischen und wirtschaftlichen Einheit, so ernüchternd ist die Suche danach. Sie führt ins Leere! Es gibt sie nicht.

Nicht beim kantonalen Amt für Statistik. Dort gibt's zwar eine quartalweise aktualisierte Tabelle der "Beschäftigung in der Nordwestschweiz (BESTA)". Die "Nordwestschweiz" ist aber der Zusammenzug der Zahlen von BS, BL und AG.

Und: Die BESTA ihrerseits beruht zudem nicht auf effektiven Zahlen, sondern auf einer

repräsentativen Stichprobe von 62'000 Betrieben des sekundären und tertiären Sektors.
Diese rapportieren per Fragebogen an das Bundesamt für Statistik, das die Daten nach Grossregionen (z.B. Nordwestschweiz = BS + BL + AG), nicht nach Kantonen (!), auswertet. Als Grund für diese geographische Unschärfe antwortet der zuständige Francis Saucy:
L’échantillon est tiré de manière à fournir des résultats fiables au niveau des grandes régions et nous produisons des résultats à ce niveau
Auf die Frage, ob sich denn aus den Daten keine Kantonszahlen extrahieren liessen, schreibt er:
Nous ne pouvons donc pas fournir des résultats pour chacun des cantons. Les cantons et grandes villes qui le souhaitent ont la possibilité de financer des compléments d’échantillon. C’est le cas de GE, NE, SG, VD et StadtZurich. Les résultats que nous produisons pour eux sont publiés directement par ces régions.
Einige Orte investieren also extra in die Beschäftigtenstatistik. Die Nordwestschweizer nicht. Ergo gibt's die Beschäftigtenzahlen zu Basel-Stadt auch: Nicht beim Bundesamt für Statistik.

Und ebenso:

Nicht beim Amt für Wirtschaft und Arbeit. Das AWA publiziert zwar fleissig jeden Monat zur "Lage auf dem Basler Arbeitsmarkt. Aber darin steht lediglich, was sich in Sachen Arbeitslosenzahlen resp. offene Stellen tut.

Hansjürg Dolder, Leiter des AWA erklärt auf Anfrage, dass auch sein Amt die Zahlen des BfS verwende. Gefragt danach, ob eine Statistik darüber existiere, wieviele Menschen auf Kantonsgebiet arbeiteten, erklärt er,

dass es auf Kantonsniveau keine aktuelle mit den Arbeitslosenzahlen vergleichbare Zahlenreihe zur Beschäftigung gibt.
Nicht einmal der "Wirtschaftsbericht 2012" des Regierungsrats nennt auch nur eine einzige absolute Zahl zu den Beschäftigten im Kanton. Dafür ventiliert er seeehr viiiel warme Luft! Und ohne eine einzige Zahl als Beleg orakelt er freihändig auf Seite 30:
Zudem überdeckt der Erfolg der LifeSciences-Industrie gewisse Schwächen in anderen Branchen, deren Entwicklung in den letzten rund 15 Jahren weder punkto Wertschöpfungswachstum noch punkto Beschäftigung mit der stärksten Branche mithalten konnten. Besonders bei der Beschäftigungsentwicklung weist Basel-Stadt Schwächen auf und konnte, über eine längere Frist betrachtet, nicht mit dem Nachbarkanton Basellandschaft oder mit anderen Schweizer Regionen mithalten.
In dem im August 2012 erstellten Dokument ist die aktuellste Aussage die auf Seite 1:
Die Zahl der Erwerbstätigen ist im Kanton Basel-Stadt zwischen 2008 und 2010 leicht um 0,5% p.a. gestiegen.
Natürlich ohne absolute Zahl oder Quellenangabe. Der Bericht erfüllt generell den Mindeststandard, dass Zahlenangaben per Referenz auf ihre Quelle belegt gehören, nicht. So könnte - theoretisch - der "Wirtschaftsbericht 2012" frei erfunden sein, oder voller kreuzfalscher Zahlen stecken. Niemand würd's merken.

Offenbar geht das so durch bei Verwaltung und Regierung. Und auch das Parlament nickte den Bericht am 12.9.2012 ab.

Peter Laube, Vize-Chef des Statistischen Amtes Basel-Stadt, erklärt die Sache freundlicherweise in einem Mail dieser Tage. Es ist so:

Zuerst zum Status Quo: Die Beschäftigungsstatistik (BESTA) ist eine vierteljährliche Stichprobenerhebung des Bundesamtes für Statistik, die Ergebnisse auf Ebene der sog. Grossregionen liefert. Die Grossregionen sehen folgendermassen aus.

Genferseeregion GE, VD, VS
Espace Mittelland BE, FR, JU, NE, SO
Nordwestschweiz AG, BL, BS
Zürich ZH
Ostschweiz AR, AI; GL, GR, SG, SH, TG
Zentralschweiz LU, NW, OW, SZ, UR, ZG
Tessin TI

Von der Möglichkeit einer kantonalen Erhöhung der BESTA-Stichprobe hat Basel-Stadt, wie übrigens die allermeisten Kantone abgesehen. Zum einen wären die Kosten sehr hoch, zum anderen die Belastung der vierteljährlich Auskunft gebenden Betriebe kaum zu verantworten. Vor allem aber kommt hinzu, dass mit der derzeitigen Neukonzeption der Betriebszählung die Beschäftigtenzahlen künftig jährlich, auch auf Kantonsebene vorliegen werden. Die Betriebszählung, neben der Volkszählung traditionell die andere grosse landesweite Vollerhebung im 10-Jahresrhythmus, fand ursprünglich in den 5-er Jahren (1975, 1985 …) statt. Um der sich schnell ändernden Wirtschaftsstruktur gerecht zu werden, wurde die Periodizität in den 90-er Jahren erhöht (1995, 1998, 2001, 2005, 2008). Mit dem Übergang von Erhebungen zu registerbasierter Statistik wurden die Daten von 2011 nicht mehr aufwändig durch das Bundesamt für Statistik bei allen Betrieben erhoben, sondern erstmals den AHV-Registern entnommen. Das ist ein Paradigmenwechsel, der zumindest in der Anfangsphase noch keine zeitliche Verbesserung bringt. Die Daten werden vorerst wie bisher nach rund zwei Jahren vorliegen, also vom Herbst 2011. Aber: Die Daten werden künftig jährlich zur Verfügung stehen und es ist davon auszugehen, dass sich die Zeit zwischen Stichtag und Publikation verringern dürfte.

Künftig werden somit jährlich detaillierte Daten zur Beschäftigung auf Kantonsebene vorliegen.
Fazit: In Zukunft wird alles besser, dank AHV-basierten Zahlen, die zu jährlichen Statistiken ausgewertet werden. Aber irgendwie bleibt ein schaler Beigeschmack zurück, dass es bis dato tatsächlich keine (mindestens quartalsweise) aktuellen, effektiven Zahlen gibt über die Anzahl Beschäftigte (wenn möglich: nach Branchen) in Basel-Stadt. Das kann, auch für Statistikskeptiker, zugespitzt fast nur eines heissen:

Das Wirtschafts- und Sozialdepartement und das Finanzdepartement fällen ihre wirtschaftspolitischen Entscheidungen (soweit sie überhaupt solche fällen) seit Jahr und Tag so gut wie im Blindflug! Für die Wirtschaftsförderung existiert kaum eine solide Erfolgskontrolle. Und: Dem Parlament war das bis anhin schnuppe.

Patrik Tschudin

Die Geschichte von Bäckermeister Alain Wischlen

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Unbenannt
Wie das Bau- und Verkehrsdepartement Basel-Stadt mit seiner Baustellenpolitik an dieser Ecke der Stadt meinem Hausbäcker Alain Wischlen (59) (Bild: das Geschäft mit den weiss-blauen Sonnenstoren) keinen anderen Ausweg mehr liess als den Konkurs. Seine Geschichte, seine Arbeit, seine Erfahrung, seine Enttäuschung, sein Galgenhumor, seine Liebe zu Basel, seine Hoffnungen und Wünsche in seinen Worten:

UPDATE 3.12.12: Den TaWo-Artikel dazu gibt's inzwischen hier drüben.
UPDATE 6.12.12: Und hier ein zweiter, etwas breiter gefasster über das nicht nur harmonische Verhältnis von Gewerbe und Baudepartement.

Patrik Tschudin

Das Millionenmolekül GMI-1070

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GMI-1070 als Drahtmodell auf dem Tisch von Beat Ernst
"GMI-1070" als Drahtmodell auf dem Bürotisch von Beat Ernst.

An der Universität Basel hat der Chemiker Beat Ernst mit der Partnerfirma Glycomimetics in den USA einen Wirkstoff entwickelt, der hunderttausenden Patienten mit einer so genannten „Sichelzellenanämie“ Hoffnung macht auf Linderung ihrer Leiden. GMI-1070 hat darüber hinaus das Potenzial zu noch viel weitergehenden Anwendungen. Der weltgrösste Pharmakonzern Pfizer erwarb unlängst für insgesamt 340 Millionen Dollar das Recht, die Substanz bis zur Marktreife weiterzuentwickeln.
Diese lukrative Zusammenarbeit von Hochschule und Konzern ist ein Lehrstück über Patente, Lizenzen und Geheimverträge. Sie zeigt exemplarisch Chancen und Risiken solcher Kooperationen.
Links: Paper über Wirkung von GMI-1070 im Tierversuch; Communiqué der Uni Basel; Communiqué GlycoMimetics; Beat Ernst.

Ganz leicht gekürzt heute gesendet in "Kontext" auf DRS2.

Und hier, vorhin grad entdeckt, ein PR-Videointerview mit Rachel King, CEO der Uni-Partnerfirma GlycoMimetics, publiziert vom Standortmarketing des US-Bundesstaates Maryland:

Patrik Tschudin

Patent auf GMI-1070: Aussage Uni vs. BaZ-Artikel

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BaZ am 27.5.2011:

(...) im besten Fall hat das Abkommen ein mögliches Volumen von 340 Millionen Dollar. Wird GMI-1070 als Medikament zugelassen, werden Lizenzgebühren fällig. Das Schöne am Ganzen: Die Universität Basel profitiert. Im Erfolgsfall mit einem zweistelligen Millionenbetrag. Denn was Beat Ernst und sein Team da entwickelt haben, ist als Erfindung der Basler Universität patentiert. Man halte die Daumen für die Sichelzellpatienten – und Basel: Es könnte der bisher grösste Reibach für die Uni aus einem Projekt werden.

Screenshot:

Uni Basel heute auf meine Anfrage:

Wie kommt es, dass die Firma Glycomimetics bei diesen drei nach 2004 beantragten und erteilten Patenten, bei denen u.a. Beat Ernst, Angestellter der Universität Basel, als Erfinder fungiert, als Inhaberin genannt wird, und nicht die Universität Basel?

In diesem Fall entstanden die Patentanmeldungen aus einer langjährigen Forschungskooperation der Universität Basel mit der Firma. Der Kooperationsvertrag sieht vor, dass allfällige Patente von der Firma in eigenem Namen angemeldet werden können. Die Universitäten melden Patente nicht zum Selbstzweck an, sondern um eine spätere Umsetzung in neue Produkte zu ermöglichen. Wenn wie in diesem Fall ein Firmenpartner bereits involviert ist, ist es je nach Situation möglich, dass man dem Partner die Möglichkeit zugesteht, Patente in eigenem Namen anzumelden. In der Mehrzahl der Fälle werden Patente jedoch auf den Namen der Universität angemeldet (insbesondere dann, wenn noch kein Firmenpartner involviert ist) und die Universität vergibt dann die Nutzungsrechte an eine Firma in Form einer Lizenz.

Können Sie mir bestätigen, dass die Universität Basel offenbar mindestens in diesen drei Fällen aktiv auf die ihr gemäss oben genannter Ordnung zustehenden Rechte an den von Beat Ernst getätigten Erfindungen verzichtet?

Ja, in diesen Fällen hat die Universität Basel die Eigentumsrechte an den Patentanmeldungen vertraglich an den Partner abgetreten.

Welche Überlegungen bewogen die Universität Basel dazu, auf die Möglichkeit, am kommerziellen Erfolg einer Erfindung, die einer ihrer Angestellten getätigt hat, zu verzichten?

Dass eine Patentanmeldung im Namen des Firmenpartners erfolgt, bedeutet nicht, dass die Universität auf einen angemessenen Anteil an einem späteren kommerziellen Erfolg der Technologie verzichtet. Auch im vorliegenden Fall der Kooperation mit der Firma Glycomimetics wird die Universität Basel an einem allfälligen kommerziellen Erfolg beteiligt sein.

Fazit: Anders als die BaZ (merkwürdigerweise grad 2 Tage nach meinem Posting zu dem Thema; Zufälle gibt's...!) schreibt, liegt das Patent an dem möglichen Wirkstoff gegen Sichelzellenanämie bei Glycomimetics und NICHT bei der Uni Basel. Über die Motive dafür und die Folgen daraus wird noch zu reden sein.

Patrik Tschudin

Einsicht verweigert in Verträge zwischen Uni Basel und Pfizer / Glycomimetics

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Am 29.5. hatte ich, unter Berufung auf das in Basel-Stadt geltende Oeffentlichkeitsprinzip, dem auch die Universität unterstellt ist, Einsicht verlangt sowohl in die Vereinbarung zwischen der Universität Basel und GlycoMimetics über die Zusammenarbeit, als auch in die insgesamt 340 Millionen Dollar teure Lizenzvereinbarung zwischen Pfizer und der Universität Basel betreffend den von Prof. Beat Ernst mitentwickelten Wirkstoff GMI-1070. Die Antwort heute:

Leider können wir in die Zusammenarbeitsvereinbarung sowie die Lizenzvereinbarung keine Einsicht geben. Die Vereinbarung enthält eine Vertraulichkeitsklausel. Dies gründet darin, dass die Vereinbarung Geschäftselemente enthält, an deren Geheimhaltung die Universität und der Vereinbarungspartner ein dringendes Interesse haben. Darüber hinaus würde die Universität keine Zusammenarbeitspartner mehr gewinnen können, wenn diese in Zukunft mit der Einsicht Dritter in Zusammenarbeits- und Lizenzverträge, die Geschäftsgeheimnisse enthalten, rechnen müssten.

Das nehme ich vorläufig mal so zur Kenntnis. Meine Nachfragen daraufhin:

1. Wie kommt es, dass die Firma Glycomimetics bei drei nach 2004 beantragten und erteilten Patenten, bei denen u.a. Beat Ernst, Angestellter der Universität Basel, als Erfinder fungiert, als Inhaberin genannt wird, und nicht die Universität Basel?
2. Gemäss Artikel 16, Absatz 4, der "Ordnung über Nebentätigkeiten, Vereinbarungen mit Dritten und die Verwertung von geistigem Eigentum im Rahmen der universitären Tätigkeit" müssen Universitätsangestellte ihre Erfindungen der WTT-Stelle melden. Wann hat Prof. Beat Ernst seine Erfindungen, für die Glycomimetics heute das Patent hält, dieser Stelle gemeldet?
3. Können Sie mir bestätigen, dass die Universität Basel offenbar mindestens in diesen drei Fällen aktiv auf die ihr gemäss oben genannter Ordnung zustehenden Rechte an den von Beat Ernst getätigten Erfindungen verzichtet?
3.1. Wenn ja: Wann erfolgte diese Rechteabtretung?
3.2. Welche Überlegungen bewogen die Universität Basel dazu, auf die Möglichkeit, am kommerziellen Erfolg einer Erfindung, die einer ihrer Angestellten getätigt hat, zu verzichten?
4. Unter welchem Titel weist die Universität Basel in ihren Jahresberichten die Einnahmen aus Lizenzen auf Patenten etc. aus?
5. Wieviele auf Erfindungen ihrer Mitarbeitenden beruhende Patente beantragt die Uni Basel pro Jahr? Ist die Statistik – seit z.B. 2004 - öffentlich einsehbar?
6. Die Universität Basel kann auf die ihr zustehenden Rechte an Erfindungen ihrer Mitarbeitenden zu Gunsten derselben verzichten (Art. 18 „Ordnung über Nebentätigkeiten, Vereinbarungen mit Dritten und die Verwertung von geistigem Eigentum im Rahmen der universitären Tätigkeit“, 2004). Wie häufig hat die Universität seit 2004 pro Jahr von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht und damit ihre Verwertungs- und Eigentumsrechte an die Erfinder abgetreten?

Bin gespannt auf die Antworten aus der Rechtsabteilung der Universität Basel.