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ex-geologist, ex-journalist for swiss public radio, now public secondary school teacher in Basel, Switzerland

Patrik Tschudin

Zeitrafferaufnahme mit Raspberry Pi Cameraboard

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Das Zwischenfazit einiger Versuche damit:

Mit Klebstreifen am Fensterrahmen montiert sieht's dann so aus (das schwarze Dings auf dem grünen Board ist die Kamera):

Parameter des Zeitraffers: Alle 15 Sekunden (=15000 Millisekunden: -tl 15000) ein Bild / Foto mit maximaler Auflösung (2'592 X 1'944 Pixel) aufnehmen, das Ganze während einer Stunde (3,6 Mio Millisekunden: -t 3600000; ergibt 240 Bilder pro Stunde), jedes Einzelbild heisst automatisch image0001.jpg, image0002.jpg etc.:

sudo raspistill -t 3600000 -tl 15000 -o image%04d.jpg

Aus allen Einzelbildern im Ordner einen 1920x1080 mp4 Film namens "animation.mp4" errechnen mit 24 Bilder / Sekunde (1 Stunde = 10 Sekunden, wenn ich mit der oben erwähnten Einstellung alle 15 Sekunden 1 Bild aufnehme, also 240 Bilder pro Stunde):

sudo ffmpeg -f image2 -framerate 24 -i ./image%04d.jpg -s 1920x1080 -vcodec libx264 -profile high -preset slow ./animation.mp4

Das gibt dann sowas, wenn man's über Nacht und bis knapp in den Sonnenaufgang rein laufen lässt...:

2. Versuch tagsüber:

3. Versuch tagsüber, 4.2.2016, 9-19h. Beachte die wechselnde Windgeschwindigkeit und -richtung.

Patrik Tschudin

Radio SRF2Kultur hat keine eigenständige Programmleitung mehr

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Grossraumbüro aktuelle Kultur Studio Basel

Künftig erledigt diese Aufgabe die bisherige Bereichsleiterin Musik der SRF-Abteilung Kultur, Barbara Gysi, zusätzlich nebenher. Natalie Wappler, Leiterin der SRF-Abteilung Kultur, hat die Position von Franziska Baetcke aus dem SRF-Organigramm auf Null rausgekürzt. So heisst das im schönfärberischen, Nebel werfenden PR-Speak der "SRF-Media Relations": 

Barbara Gysi wird neue Programmleiterin bei Radio SRF 2 Kultur

Die neue Programmleiterin von Radio SRF 2 Kultur heisst Barbara Gysi. Sie tritt die Nachfolge von Franziska Baetcke an. Im Zuge des Sparprogramms bei SRF hat Nathalie Wappler, Abteilungsleiterin Kultur, die Organisation und Abläufe bei Radio SRF 2 Kultur reorganisiert. In diesem Zusammenhang werden die bisherigen Bereiche «Aktualität und Debatte» sowie «Musik» zusammengelegt. Neue Bereichsleiterin und damit Programmleiterin von Radio SRF 2 Kultur wird Barbara Gysi. Seit 2011 ist die studierte Musikwissenschaftlerin Barbara Gysi Bereichsleiterin Musik der Abteilung Kultur. Zuvor war die 52-Jährige in verschiedenen Funktionen bei SRF tätig, unter anderem bei der Abteilung Information Radio. Ebenfalls in ihrem Bereich angesiedelt sind die drei nationalen Programme Radio Swiss Classic, Swiss Jazz und Radio Swiss Pop.

Barbara Gysi tritt die Nachfolge von Franziska Baetcke an, die innerhalb von Schweizer Radio und Fernsehen ein anderes Angebot prüft. Franziska Baetcke ist seit 1995 bei SRF tätig. In der Abteilung Kultur durchlief sie verschiedene Stationen, unter anderem als Redaktionsleiterin Kultur DRS 2, Redaktionsleiterin «DRS2aktuell» und seit 2010 als Programmleiterin Radio SRF 2 Kultur.

«Ich freue mich, mit Barbara Gysi eine sehr erfahrene Medienfrau als Programmleiterin gewinnen zu können. Franziska Baetcke hat in den vergangenen fünf Jahren den Sender wesentlich in seiner Veränderung in Richtung eines modernen Kulturradios mit erweitertem Musikprofil begleitet und geprägt. Für diese grosse Leistung möchte ich ihr an dieser Stelle herzlich danken.» Nathalie Wappler, Abteilungsleiterin Kultur

Wapplers Entscheid leuchtet dann ein, wenn man annimmt, dass die Funktion "Programmleiterin" für eine einzelne Radiokette wie SRF2Kultur, im Zuge der "Konvergenz" im Hause SRF, je länger je mehr zum Anachronismus mutierte. Wappler hat sie darum - auch unter dem Druck des de Weck'schen Spardiktats (minus 5 100%-Stellen im Studio Basel!) - jetzt für ganz obsolet erklärt.

Was an Aufgaben anfällt aufgrund des "Bisschens" Kompetenz, das der Programmleiter-Funktion in den letzten Jahren noch blieb (Repräsentation nach aussen, On-air-Design, punktuell Programmstrategie), kann Gysi vermutlich tatsächlich en passant "nebenbei" erledigen. Ob das der Sache des Kulturradios in der Deutschschweiz gut tut, steht auf einem anderen Blatt. I doubt it. Die grossen Linien festlegen mit Herzblut und Inspiration geht eigentlich kaum so mal nebenbei. Man wird's sehen, resp. hören...

Die Zeiten, als DRS1, DRS2 und DRS3 je kleine Königreiche waren und ihre Programmleiter umschwärmte und umstrittene Könige (Typus von Grünigen, Godel, Luginbühl) mit relevanter Richtungsweisungskompetenz, sind tatsächlich längst vorbei. Seit Jahren sind die Senderketten des Radios keine relevante Organisationseinheit mehr innerhalb von SRF, weil ihre internen Strukturen im Zuge der Konvergenz zerschlagen und mit auf ähnlichem Weg entstandenen Partikeln des TVs zu neuen SRF-Einheiten, am Ende zu Abteilungen, gebündelt wurden. Die Funktion von Franziska Baetcke, Programmleiterin, wurde ganz einfach zunehmend entbehrlich (oder muss man sagen: sie liess es soweit kommen?). Und die Publikumszahlen hat sie auch nicht halten können... Trotz versuchter Ausrichtung auf ein "jüngeres Publikum" und breiterem Musikprofil. Stünde SRF2Kultur heute in der Hinsicht besser da, oder wenigstens gleich gut wie noch vor 5 Jahren (tut der Sender aber definitiv nicht), wäre Baetckes Position vermutlich unangreifbar. Man darf gespannt sein, was es bedeutet, dass sie innerhalb von SRF "ein anderes Angebot prüft".

Vor etwas über 20 Jahren sassen sie, die ich an der Uni kennengelernt hatte, und ich vor der Fass-Bar in Basel bei einem Bier. Ich schwärmte ihr vor, wie toll es sei, bei DRS zu arbeiten, was ich damals seit rund 5 Jahren tat; sie überlegte zu der Zeit, wenn ich mich recht erinnere, ob sie sich um eine Stage bei DRS2 bewerben solle... Sie bewarb sich und machte im Laufe der Jahre dann doch noch Karriere. Schliesslich verdienten wir unseren Lebensunterhalt rund 20 Jahre lang unter demselben Dach. Als ich bei SRF2Kultur im Herbst 2012 meine Stelle als Wissenschaftsredaktor kündigte, um die Ausbildung zum Sekundarlehrer in Angriff zu nehmen, war sie Programmleiterin des Senders. Sie hatte damals nicht, und hat bis auf den heutigen Tag nie, reagiert auf meinen Abgang, obwohl sie formell eine meiner Vorgesetzten war. Das fand und find ich schlechten Stil. Eigentlich schade. Denn wir hatten uns nie dermassen zerstritten, dass ihr Schweigen vielleicht damit zu erklären gewesen wäre. Sei's drum. Das ist Schnee von vorgestern. Dass sie jetzt SRF vermutlich unfreiwillig verlassen muss, tut mir irgendwie leid für sie. Andererseits komm ich nicht drum rum zu denken, dass sie während mehrer Jahre ihre Chance hatte, den Sender voranzubringen. Woran es auch immer gelegen haben mag, der durchschlagende Erfolg beim Publikum blieb ihr verwehrt. Einige der Änderungen am Programm, die sie einführte, sind bspw. in der Morgen-Prime-Time heimlich still und leise bereits partiell wieder zurückgefahren worden. Und der - mir persönlich sympathische - Moderationsleiter, den sie als eine ihrer ersten Amtshandlungen von einem lockerflockigen Privatsender geholt hatte, in der Absicht, den ModeratorInnen von SRF2Kultur einen neuen Ton zu verpassen, ist inzwischen wieder genau dort, wo er herkam - und, wie man hört, dabei sehr glücklich. Wie auch immer, Franziska Baetcke wird ziemlich sicher sanft landen, wo es sie auch hin verschlägt. Denn in der Regel schaut die SRG ganz anständig zu ihren Kadern, wenn sie sich mal von einem verabschieden muss... Das sei ihr neidlos gegönnt.

Ein richtig gutes, modernes, spannendes, anspruchsvolles, anregendes, inspirierendes, überraschendes, unterhaltendes, mutiges, erfrischendes, vernetztes, intellektuelles Kulturradio: SRF2Kultur hat im Grunde das Zeugs dazu. Manchmal hört man's tatsächlich. Leider viel zu selten. Der Sender und seine Menschen benötigen, um ihren lähmenden strukturellen Burnout zu überwinden, allerdings einen wirklich fundamentalen Neustart à la: mind. 3 Monate Sendepause (gefüllt mit einem Musikprogramm inspiriert von FIP​ Radio) und dann ein Programm-Feuerwerk, bei dem kein Stein auf dem anderen bleibt! Gerade in diesen unseren düsteren Zeiten braucht die Deutschschweiz ein überzeugendes SRF-Kulturradio mehr denn je! Als Kommunikationsplattform, als Debattierclub, als Aufklärerin, als Lagerfeuer, als Provokation, als Bildungseinrichtung, als Chill-Out-Zone, als Kulturproduzentin, als Fenster in unbekannte Welten, als Trost, als Leuchtturm, als Inspiration.

Ich wünsche meinen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen von Herzen die Kraft und Ausdauer, die sie tagein tagaus dafür benötigen!

Patrik Tschudin

San Francisco Is Smarter Than You Are

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Man kann's ja auch mal so sehen: "If people are to cities as neurons are to brains, and cities (unlike brains) do not have any known limit to their size, then gigantic cities of the future might produce innovations on a scale that wouldn’t be possible for the cities of today."

Artikel bei Nautilus

Patrik Tschudin

Bauhaus-Universität Weimar: Professur für Experimentelles Radio

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"Das Experimentelle Radio an der Bauhaus Universität Weimar ist als Ausbildungs- und Produktionsstätte für das künstlerische Medium Radio einzigartig in Europa. Es versteht sich als Produktionsort für innovative, radiophone Formate und kreative interdisziplinäre und internationale Modelle, die den künstlerischen und technischen Veränderungen unserer Zeit Rechnung tragen.

Die Lehre umfasst alle Bereiche des Mediums Radio, vom Journalismus über Radiokunst bis hin zur Radioinstallation, dem Live-Hörspiel und anderen Formen der Radio Aktion. Dabei werden interaktive Projekte, die durch Internetradio, Streaming, Podcast und mobile Endgeräte möglich geworden sind, besondere Beachtung geschenkt. (...)"

Könnte sich vielleicht der "Lehrgang Radio" am MAZ ("die Schweizer Journalistenschule" in Luzern) eine Scheibe abschneiden davon? Das wär schön! Denn das ist alles wunderbar, was man dort lernt (aus der Kurzkursbeschreibung): "Schreiben fürs Hören, Nachrichten auf den Punkt bringen, Atmos aufnehmen und ein Mikrofon bedienen. Töne zusammenschneiden und Texte sprechen und am Schluss ein Nachrichtenbulletin präsentieren. (...)" Aber nach "ein Mikrofon bedienen" gibt's noch so viel mehr im Radio, Ehrenwort!

Eine genialische Produktion von 2011 aus Weimar:

Ob's ok ist, das hier einzubinden? Frag nicht!

Patrik Tschudin

BPA-Bericht des Bundesrates: 4 Jahre für magere 9einhalb A4-Seiten

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Der Berg hat eine Maus geboren!4 Jahre nachdem die nationalrätliche Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit ein Postulat eingereicht hatte, worin der Bundesrat beauftragt wurde, einen „Bericht zur Bisphenol-A-Problematik“ zu erstellen, liegt das Ding jetzt vor (backup der Seite @ Internet Archiv, Backup des pdf-Files). Mit einem Umfang von 9,5 Text-Seiten.

Wobei zu beachten ist, dass die Kommission einen „Bericht zur Bisphenol-A-Problematik“ verlangt hatte, der Bundesrat aber über "Nutzen und Gefahren der Verwendung von Bisphenol A" berichtet.

Eine subtile Akzentverschiebung!

Inhaltlich stützt sich der "Bericht" zu weiten Teilen auf Studien der EFSA.

(Den Hinweis auf das Erscheinen des bundesrätlichen "Berichtes" verdanke ich Matthias Preisser. Merci!)

2010 durfte ich mich für DRS2 intensiv mit der BPA-Problematik (!) auseinandersetzen. Das Resultat davon war u.a. diese halbe Stunde Kontext...

... welche freundlicherweise mit dem "Prix Média der Akademien der Wissenschaften Schweiz" ausgezeichnet wurde.

NACHTRAG 30.12.2015

Frankreich hat übrigens,

papier-sans-bpa

anders als die ganze EU, auf der Basis eigener, unabhängiger, französischer Studien, ab 2014 BPA überall dort verboten, wo es mit Nahrungsmitteln in Kontakt käme (Dosen, Büchsen etc.). Das nenn ich eine Haltung! Die Schweizer Behörden verstecken sich hinter den eher kompromisslerischen EU-Behörden.

Das Bild? Eine Pariser Quittung für Moules et Frites vom 28.12.2015. Merci dafür, Christoph!

Patrik Tschudin

Schweizer Studie untersucht Hormonaktivität von BPA, BPS, BPF, Pergafast und D-8 in Thermopapieren

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Daniela M. Goldinger, Anne-Laure Demierre, Otmar Zoller, Heinz Rupp, Hans Reinhard, Roxane Magnin, Thomas W. Becker und Martine Bourqui-Pittet sind das Team hinter der vor wenigen Tagen publizierten Studie:

Endocrine activity of alternatives to BPA found in thermal paper in Switzerland

Bemerkenswert daran ist, ausser dem Inhalt, dass 3 AutorInnen aus dem Bundesamt für Gesundheit (BAG), Abteilung Chemikalien und 3 aus dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterninärwesen (BLV) stammen.

Der Abstract lautet:

Alternatives to bisphenol A (BPA) are more and more used in thermal paper receipts. To get an overview of the situation in Switzerland, 124 thermal paper receipts were collected and analyzed. Whereas BPA was detected in most samples (n = 100), some alternatives, namely bisphenol S (BPS), Pergafast® 201 and D-8 have been found in respectively 4, 11 and 9 samples. As no or few data on their endocrine activity are available, these chemicals and bisphenol F (BPF) were tested in vitro using the H295R steroidogenesis assay. 17β-Estradiol production was induced by BPA and BPF, whereas free testosterone production was inhibited by BPA and BPS. Both non-bisphenol substances did not show significant effects. The binding affinity to 16 proteins and the toxicological potential (TP) were further calculated in silico using VirtualToxLab™. TP values lay between 0.269 and 0.476 and the main target was the estrogen receptor β (84.4 nM to 1.33 μM). A substitution of BPA by BPF and BPS should be thus considered with caution, since they exhibit almost a similar endocrine activity as BPA. D-8 and Pergafast® 201 could be alternatives to replace BPA, however further analyses are needed to better characterize their effects on the hormonal system.

Der hervorgehobene Satz ist insofern durchaus bemerkenswert, als er festhält, dass BPA, BPS und BPF, laut den Messungen von BAG und BLV, alle drei eine ähnlich starke Hormonaktivität zeigen. Das ist nicht das erste Mal, dass sich das BAG mit BPA beschäftigt. 2012 publizierte dasselbe Team aus der Abteilung Chemikalien eine Studie zur Hautgängigkeit von BPA.

Ein backup des Artikels: gibt's hier.

Patrik Tschudin

Plastikbausteine BPA und BPS stimulieren das frühe Nervenwachstum im Hypothalamus beim Zebrafisch

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BPA und BPS sind zentrale Bausteine für u.a. Polykarbonat (u.a. CD-/DVD-Plastik), Epoxydharz (Araldit, Dosen- und Büchseninnenauskleidung), Flammschutzmittel und Thermodruckerpapier. BPS wird teilweise als «harmlosere Variante» von und Alternative zu BPA angepriesen. Jetzt schreiben aber Cassandra D. Kincha, Kingsley Ibhazehiebob, Joo-Hyun Jeongb, Hamid R. Habibia und Deborah M. Kurrasch von der University of Calgary heute in den PNAS unter dem Titel

Low-dose exposure to bisphenol A and replacement bisphenol S induces precocious hypothalamic neurogenesis in embryonic zebrafish

Here we demonstrate that bisphenol A (BPA) exposure during a time point analogous to the second trimester in humans has real and measurable effects on brain development and behavior. Furthermore, our study is the first, to our knowledge, to show that bisphenol S, a replacement used in BPA-free products, equally affects neurodevelopment. These findings suggest that BPA-free products are not necessarily safe and support a societal push to remove all structurally similar bisphenol analogues and other compounds with endocrine-disruptive activity from consumer goods. Our data here, combined with over a dozen physiological and behavioral human studies that begin to point to the prenatal period as a BPA window of vulnerability, suggest that pregnant mothers limit exposure to plastics and receipts.

Und weiter:

Strikingly, treatment of embryonic zebrafish with very low-dose BPA (0.0068 μM, 1,000-fold lower than the accepted human daily exposure) and bisphenol S (BPS), a common analog used in BPA-free products, resulted in 180% and 240% increases, respectively, in neuronal birth (neurogenesis) within the hypothalamus, a highly conserved brain region involved in hyperactivity. Furthermore, restricted BPA/BPS exposure specifically during the neurogenic window caused later hyperactive behaviors in zebrafish larvae. (...) Although human epidemiological results are still emerging, an association between high maternal urinary BPA during gestation and hyperactivity and other behavioral disturbances in the child has been suggested.

Wie darauf wohl die Plastikindustrie reagieren wird?

Der seit 2011 vom Parlament eingeforderte und vom Schweizerischen Bundesrat auf Ende 2013 versprochene BAG-Bericht zum Thema BPA ist übrigens noch immer nicht erschienen, soweit bekannt!

Patrik Tschudin

Erlenmatt-Nord: Und ewig rauscht die Autobahn

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Es braucht einen baulichen Sondereffort, um die Lärmgrenzwerte am Nordende der Erlenmatt einzuhalten. Die Rampen der Nordtangente bekommen demnächst rund 700 Meter lange Lärmschutzwände verpasst. Exponierte Wohnungen lassen sich dennoch nur indirekt belüften.

(in redigierter Fassung am 12.6.2014 in der online-TagesWoche)

Erlenmatt Basel Schnappschüsse

In heissen Sommernächten bei offenem Fenster schlafen: Am Nordende der Erlenmatt, in den exponierteren unter den 174 Wohnungen des Blocks, den die Investmentgesellschaft «Patrimonium» auf das nördlichste Baufeld (G) stellt, wird das schwierig. Er ist auf drei Seiten umgeben von Autobahn, denn er befindet sich ziemlich genau im Zentrum des Halbkreises, den die Rampen der Nordtangente dort auf ihren Stelzen ziehen.

Laut Messtelle «Anschluss Wiese» des Bundesamtes für Strassen, unmittelbar beim Tunneleingang, wo die Autobahn unter den Riehenring taucht, verkehren darauf, beide Richtungen zusammengezählt, 60’000 bis 70’000 Fahrzeuge pro Tag. Tendenz: Steigend!

Erlenmatt Basel Schnappschüsse

Planungswerte nicht eingehalten

Berechnungen des Ingenieurbüros «Gartenmann Engineering», 2012 angestellt im Auftrag des baselstädtischen Amts für Umwelt und Energie (AUE), zeigen, dass auch mit 3,5 Meter hohen Lärmschutzwänden entlang der Autobahnrampen, die so genannten «Planungswerte» an den allermeisten Fassaden der geplanten Gebäude nicht eingehalten werden.

Das Erlenmatt-Areal hat der Kanton Basel-Stadt der so genannten «Empfindlichkeitsstufe III» zugewiesen. Das heisst, bei offenem Fenster sollte es tagsüber in der Fenstermitte maximal 60dB laut sein, in der Nacht 50dB. Diese Werte gelten bei jenem Fenster, das zur Belüftung der Räume dient. Die theoretischen Berechnungen von Gartenmann kommen an den Nordenden der teils erst geplanten, teils bereits in Bau befindlichen Häuser aber, trotz Lärmschutzwänden, auf Werte zwischen 67,9 dB und 57,3 dB am Tag und 61,9 dB und 50,4 dB in der Nacht. Insbesondere nachts werden die ankommenden Autobahngeräusche ergo noch zu laut sein.

Erlenmatt Basel Schnappschüsse

Eine Loggia gegen den Autobahnlärm

Darauf musste Bauherrin «Patrimonium» reagieren. Laut AUE «wird vorgesehen, dass die Räume über verglaste Loggien belüftet werden können». Eine Loggia vor der Wohnung mag ja ganz nett sein. Wenn sie in einer heissen Sommernacht aber geschlossen bleiben muss, weil’s sonst zu laut ist im Schlafzimmer, vergrault einem das die Freude daran. Matthias Nabholz, seit dem 1. Mai dieses Jahres Leiter des Amts für Umwelt und Energie, widerspricht. Die Loggiafenster dürfen auch offen sein, sodass «eine natürliche Belüftung» möglich sei. «Der Schalleinfall» werde aber «bis zum eigentlichen Lüftungsfenster reduziert».

Der Lärm von der Autobahn her wird also wohl, trotz Loggia, in so manchem Schlafzimmer des «Patrimonium»-Blocks zu hören sein, allerdings mit einer Lautstärke unterhalb des «Planungswertes». Andere Fenster, ausser jenen der Loggia und jenen zur Lüftung dahinter, lässt man in dem Block wohl besser geschlossen, denn der anbrandende Autobahnlärm wird dort an vielen Stellen über dem «Planungswert» liegen.

Erlenmatt Basel Schnappschüsse

Die Überbauung von «Patrimonium» auf Baufeld G wird aus zwei länglichen, zum Riehenring parallelen Flügeln bestehen, getrennt durch einen Innenhof. Der Westflügel, auf der Seite des Riehenrings, erhält 8 Geschosse und ist damit höher als alle anderen, bisher auf dem Areal geplanten Gebäude. Ausser in dessen Parterre ergeben dort die Berechnungen von Gartenmann für alle Etagen über dem «Planungswert» liegende Geräuschpegel an den nach Norden und nach Osten ausgerichteten Fassaden.

Unterschriften Städtebaulicher Rahmenvertrag

Vivico-Nachfolgerin bezahlt die Lärmschutzwände

Die Kosten für die zwischen 2,5 und 5,5 Meter hohen und insgesamt rund 700 Meter langen Lärmschutzwände, entlang der rechten Spur der Autobahnrampen, gehen zu Lasten der «Bautrag Infrastructure AG» in Muri bei Bern. Sie ist, nach verschiedenen Handänderungen auf der Erlenmatt in den letzten Jahren, die Rechtsnachfolgerin der ursprünglichen Bodenbesitzerin «Vivico». Im städtebaulichen Rahmenvertrag, den 2002 die damalige Baudirektorin Barbara Schneider für den Kanton Basel-Stadt mit der Deutschen Bahn und deren Immobilienverwalterin «Vivico Real Estate» unterzeichnet hatte, ist auf Seite 4 festgehalten, dass die «Finanzierung des Schallschutzes» «sei es durch Sanierung an der Quelle oder mittels Schallschutzmassnahmen auf dem Grundstück» von den Grundeigentümerinnen, resp. deren Nachfolgerinnen, getragen werden muss.

Die Baubewilligung für die Lärmschutzwände an den Rampen der Nordtangente liegt vor. Der Baubeginn ist, laut Marc Keller, Sprecher des Bau- und Verkehrsdepartements, «noch im 2014» geplant.

Erlenmatt Basel Schnappschüsse

Autobahnlärm und Zugsgerumpel

Als ob der Autobahnlärm von oben nicht schon reichen würde, führt der Tunnel der «Herzstück» genannten Zugsverbindung zwischen Badischem Bahnhof und Bahnhof SBB in der im «technischen Schlussbericht» favorisierten Linienführung genau unter Baufeld G hindurch. Ob also dereinst das dumpfe Rumpeln der Züge, à la Elsässerbahn unter der Strassbugerallee, im Block der «Patrimonium» periodisch den andauernden Autobahnlärm ergänzt, wird davon abhängen, ob dieses Milliardenprojekt realisiert wird.

Patrik Tschudin

Warum die Rivella Studie mit Vorsicht zu geniessen ist

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Der Hirnscanner des Basler Unispitals zeigt die Wirkung eines Softdrinks mit Grüntee-Extrakt auf Versuchspersonen. Die Resultate sind mit Vorsicht zu geniessen und lassen sich nicht verallgemeinern.

(In der Form publiziert am 17.4.2014 in der TagesWoche. Weiter unten, nach dem Text des eigentlichen Artikels: Die einem der Studienautoren und Rivella gestellten Fragen und deren Antworten)

Man nehme zwölf gesunde, zwischen 18 und 35 Jahre alte Basler Rechtshänder. Man stopfe ihnen ein Schläuchlein durch den Mund bis in den Magen und flösse ihnen auf diesem Weg mehrfach entweder einen halben Liter Rivella Grün oder Rivella Blau ein. Das Rivella Blau süsse man zuvor nach auf denselben Zuckergehalt wie das grüne. Zweck des Magenschlauchs an Zunge und Gaumen der Versuchspersonen vorbei: Sie sollen nicht schmecken, ob Grün oder Blau in sie hineinrinnt.

Danach stecke man die so rivellagefüllten Probanden in einen Hirnscanner. Und lasse sie gleichzeitig einfache Gedächtnistests absolvieren, wie – einen Knopf drücken, wenn der ihnen soeben gezeigte Buchstabe der gleiche ist, wie der als Vorletzter gezeigte. Das Ganze wiederhole man vier Mal im Abstand einer Woche.

Leuchtende Gehirnregionen

Und siehe da: Mit der Zeit leuchten während den Tests die Rivella-Grün-Gehirne auf den Bildschirmen im Kontrollraum an gewissen Stellen heller auf als jene Gehirne auf Rivella Blau. Allerdings schneiden die Rivella-Grün-Versuchspersonen in den Gedächtnistests nicht relevant besser ab trotz stärkerer Signale aus ihren Gehirnen.

Der Psychiater Stefan Borgwardt, leitender Arzt am Basler Zentrum für Diagnostik und Krisenintervention der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK), ist mitverantwortlich für diese 2012 durchgeführten Versuche. Für ihn belegt das vor Kurzem publizierte Resultat, dass in den Rivella-Grün-Gehirnen zwei für das Kurzzeitgedächtnis zuständige Areale besser verknüpft sind als in den Rivella-Blau-Gehirnen.

Verantwortlich dafür ist seiner Einschätzung nach jenes halbe Gramm industriell hergestellten Grünteeextrakts, um das sich die beiden Softdrinks pro Liter hauptsächlich unterscheiden. Zwar schwimmen in Rivella Grün im Unterschied zu Rivella Blau auch noch Gerstenmalz-Extrakt, der Süssstoff Sucralose und die Vitamine C und B6. Die hätten aber keinen Einfluss, meint Borgwardt und argumentiert anhand entsprechender Untersuchungen Dritter.

Der Extrakt in Rivella Grün besteht natürlicherweise bis zu einem Zehntel aus Koffein. Im Fachartikel über die Versuchsergebnisse heisst es denn auch, es sei nicht auszuschliessen, dass das Koffein für die beobachteten Effekte mindestens mitverantwortlich sei. Schwarztee oder Kaffee könnten also dieselbe Wirkung zeigen.

Rivella als Sponsor

Rivella hat die Versuche mitfinanziert. Laut Stefan Borgwardt nahm die Firma aber keinen Einfluss auf die Publikation. Auch werde sie die Resultate nicht zu Werbezwecken verwenden, versichert Rivella, zumal «auf EU-Ebene eine immer stärkere Reglementierung von Gesundheitsaussagen für Lebensmittel stattgefunden» habe. Nicht dazu äussern wollte sich Rivella, wie viel sie bezahlte und wie der Kontakt zu den Forschenden in Basel zustande kam. Borgwardt seinerseits ging nicht auf die Frage ein, ob er bereit sei, die Kooperationsvereinbarung mit Rivella zu veröffentlichen.

Die Universität Basel und die UPK verbreiteten die Resultate von Borgwardt und Mitforschenden in einer PR-Meldung unter dem Titel «Grüner Tee beeinflusst das Gehirn». Diese Aussage ist insofern ungenau, als die Ergebnisse nur für den einen industriellen Grünteeextrakt gelten, der Rivella Grün zugesetzt wird, nicht für Grüntee generell. Sie seien auch nicht auf andere, in unterschiedlichsten Varianten erhältliche Extrakte übertragbar, bestätigt Borgwardt: «Da wir keine anderen Extrakte untersucht haben, kann man anhand dieser Studie keine diesbezüglichen Schlüsse ziehen.»

Extrakt versus Naturverbund

Die Tübinger Ärztin und Lehrbuchautorin Dr. med. Susanne Bihlmaier, Dozentin für Naturheilverfahren, nimmt die PR-Meldung zur «Rivella-Studie» kritisch zur Kenntnis. In Industrie-unabhängigen Untersuchungen zeige sich immer wieder, «dass wirksame Inhaltsstoffe im Naturverbund besser aufgenommen werden als in der künstlichen Verdichtung von Extrakten», sagt Bihlmaier. Das sei belegt beim Tomaten-Inhaltsstoff Lykopin, beim Rotwein-Inhaltsstoff Resveratrol oder bei Vitamin C. Noch eindrücklicher sei eine Studie zur Klasse der Soja-Inhaltsstoffe Isoflavone. Soja als Nahrungsmittel könne vor Brustkrebs schützen, während gewisse Isoflavone, werden sie als Extrakt an Spezialmäuse verfüttert, mehr Krebs hervorriefen.

Am besten geniessen wir also weiterhin in Ruhe die zu Hause selber gebraute Tasse Grüntee.


Vor dem Schreiben des Artikels gestellte Fragen an Stefan Borgwardt und seine Antworten (der Austausch zog sich über mehrere Tage hin):

1. Frage: Eine Laien-Verständnisfrage. Sie schreiben über die Zusammensetung des Grünteeextraktes: "Green tea extract is prepared from the dried green leaves of Camellia sinensis with a drug:extract ratio of 5.5:1, 47.5–52.5 % m/m polyphenols [high-pressure liquid chromatography (HPLC)], 5.0–10.0 % m/m caffeine (HPLC), 0.3–1.2 % m/m theobromine (HPLC), and 1.0– 3.0 % m/m theanine (HPLC)."

Wie muss ich diese Angabe lesen? Heisst das, das Extrakt, gewonnen aus den Blättern der Camellia sinensis, besteht zu rund 50% aus Polyphenolen, bis 10% Koffein, 1% Theobromin und bis 3% Theanin? (Summe: rund 64% - Woraus besteht der Rest?)

Antwort Borgwardt: Ja. Rivella Grün enthält neben den üblichen ingredients 0,05 % standardized green tea extract. Green tea extract is prepared from the dried green leaves of Camellia sinensis with a drug:extract ratio of 5.5:1, 47.5–52.5 % m/m polyphenols [high-pressure liquid chromatography (HPLC)], 5.0–10.0 % m/m caffeine (HPLC), 0.3–1.2 % m/m theobromine (HPLC), and 1.0– 3.0 % m/m theanine (HPLC). One gram of extract corresponds to 5.5 g of green tea leaves.

Frage: Oder heisst dies, das dem Rivella beigemischte Grünteeextrakt besteht a) aus dem Extrakt der Blätter und b) zudem zu 50% aus Polyphenolen, bis 10% Koffein, 1% Theobromin und bis 3% Theanin? (Summe: 64% Polyphenole, Koffein, Theobromin, Theanin PLUS 37% Blätterextrakt)

Antwort Borgwardt: Nein.

Frage: Also letztlich: Wird dem Grünteeextrakt zusätzlich u.a. Koffein zugesetzt, oder ist es ein natürlicher Bestandteil davon?

Antwort Borgwardt: Nein, es wurde kein Koffein zugesetzt. Grünteeextrakt selbst enthält natürlicherweise Koffeein.

2. Frage: Sie schreiben im Paper:

In contrast to the imaging results, we observed no significant effect of green tea consumption on task performances.

In der Medienmitteilung hingegen steht:

The MRI showed increased connectivity between the parietal and the frontal cortex of the brain. These neuronal findings correlated positively with improvement in task performance of the participants.

Dito im Artikel bei Sciencedaily:

Subjects tested significantly better for working memory tasks after the admission of green tea extract.

Einmal also im Paper "no significant effect on task performance" und einmal "improvement in task performance" resp. "significantly better for working memory tasks". Wie erklären Sie diesen Widerspruch?

Antwort Borgwardt: Dies ist kein Widerspruch, es sind zwei verschiedene Analysen:

- Working memory performance (also die Leistung): There was a strong trend toward a significantly improved task performance as expressed by the sensitivity index d′ after consumption of green tea extract [mean (SD): 3.23 (0.42)] compared with the control drink [mean (SD): 2.84 (0.45); t(11)=2.041; p=0.066; Fig. 2]. Dies bedeutet, dass es zwar einen klaren Trend (p3. Frage: Sie schreiben:

A further caveat is that there is a difference between using a soft drink containing green tea and a pure green tea extract. Oral ingestion of pure green tea extract would have avoided any cross effects or effects of other components as caffeine that may be involved in the positive effect of green tea extract on cognitive performance.

Warum haben Sie ergo das Grünteeextrakt nicht von vorneherein in Reinform verabreicht?

Antwort Borgwardt: Wir wollten einen standartisierten Grünteeextrakt verwenden. Wir hätten grundsätzlich auch Grünteeblätter nehmen können, hätten dann aber mit immer anderen Zusammensetzungen (siehe oben) zu tun gehabt. Es wäre daher nicht möglich gewesen, einheitliche Dosen zu verwenden. Eine gleichbleibende definierte Zusammensetzung garantiert nur ein kommerziell hergestellter Extrakt.

4. Frage: Wenn Sie de facto nicht sagen können, ob das reine Grünteeblätterextrakt oder das Koffein oder sonst ein Bestandteil von Rivella Grün für den mit den bildgebenden Verfahren sichtbare Effekt verantwortlich ist, steht der Titel des Papers auf eher tönernen Füssen: "Green tea extract enhances parieto-frontal connectivity during working memory processing". Sehe ich das richtig?

Antwort Borgwardt: Aus meiner Sicht reflektiert der Titel genau den Inhalt und das Ergebnis der Studie: Green tea extract enhances parieto-frontal connectivity during working memory processing. Sie fragen nach differentiellen Effekten innerhalb des Grünteeextraktes (also ist welches der Katechine ist für die Wirkung verantwortlich, also Epigallocatchin Gallat (EGCG) oder Koffein oder auch andere). Diese Frage war in dieser Studie nicht die Forschungsfragestellung (Hypothese), sondern lediglich wie sich der gesamte Grünteeextrakt auf neurale Prozesse auswirkt, da möglich ist, dass sich die verschiedenen Inhaltsstoffe auch wechseitig in ihrer Wirkung verstärken können.

5. Frage: Warum haben Sie Rivella Grün mit Rivella Blau verglichen und nicht z.B. Rivella Grün und andere grünteeextrakthaltige Softdrinks und reines Grünteeextrakt mit einer Kontrollgruppe, die z.B. Wasser trank?

Antwort Borgwardt: Wir wollten für zwei "Konditionen" vergleichen, die sich - bis auf Grünteeextrakt - gar nicht oder sehr wenig unterschieden. Daher wäre ein Vergleich mit Wasser nicht sinnvoll gewesen, stattdessen ist der Softdrink (ohne Grüntee-Extrakt) die Placebo-Kondition. Wenn wir Rivella Grün mit anderen grünteeextrakthaltigen Softdrinks verglichen hätten, hätten sich diese in zwei Faktoren unterschieden: a) im den unterschiedlichen Grünteeexktrakten mit wahrscheinlich unterschiedlichem Wirkstoffkonzentrationen und b) durch Unterschiede zwischen den Softdrinks, was nicht der Forschungsfragestellung entsprochen hätte.

6. Frage: Die Studie wurde finanziert von Rivella. Sind Sie bereit, die Kooperationsvereinbarung mit und die finanziellen Leistungen von Rivella zu veröffentlichen?

Antwort Borgwardt: Die Studie wurde durch Rivella mit einem "unrestricted grant" teilfinanziert. Da es eine initator-driven study war, hatte Rivella "no role in study design, collection, analysis, interpretation of data, writing of this report, and in the decision to submit the paper for publication." Ausserdem wurde die Studie durch andere z.B. das University Hospital Basel massgeblich finanziert.

7. Frage: In Ihrer Medienmitteilung schreiben Sie:

Die Forschungsresultate haben grosses Potenzial für die klinische Anwendung: Die Erforschung der Konnektivität zwischen den Hirnregionen während der Verarbeitung von Arbeitsgedächtnisaufgaben könnte helfen, die Effektivität von grünem Tee für die Behandlung von kognitiven Beeinträchtigungen bei neuropsychiatrischen Erkrankungen wie zum Beispiel Demenz zu beurteilen.

Ihre Studie kann, wie Sie im Abschnitt "Limitations" schreiben, nicht ausschliessen, dass die beobachteten Effekte vom Koffein oder anderen Bestandteilen, die NICHT Grünteeextrakt sind, ausgelöst wurden. Was führt Sie vor diesem Hintergrund zur Aussage im Communiqué, die Ergebnisse könnten helfen, die Effektivität von grünem Tee "für die Behandlung von kognitiven Beeinträchtigungen bei neuropsychiatrischen Erkrankungen wie zum Beispiel Demenz" zu beurteilen?

Antwort Borgwardt: Die Studie zeigt eine Möglichkeit mittels funktioneller Bildgebungsmethoden die neuronalen Korrelate - von bereits in früheren Studien nachgewiesenen Effekten von Grüntee-Extrakt - aufzuzeigen. Funktionelle Bildgebungsstudien und Konnektivitätsuntersuchungen werden bei verschiedenen neuropsychiatrischen Erkrankungen eingesetzt, um Assoziationen zwischen klinischem Zustandsbild und Hirnfunktion zu untersuchen.

8. Frage: Die 12 Teilnehmer ihrer Studie waren zwischen 18 und 35 Jahre alte, gesunde Männer (gemäss clinicaltrials.gov). Was führt Sie, ausgehend von diesem Sample, dazu, auf eine mögliche "Effektivität von grünem Tee für die Behandlung von (...) Demenz" zu schliessen?

Antwort Borgwardt: Hintergrund sind die in der Einleitung genannten Studien: Furthermore, higher consumption of green tea has also been associated with a lower prevalence of cognitive impairments in older adults (Kuriyama et al. 2006). Comparable results were obtained in another study investigating the association between green tea consumption and cognition in 2,501 people aged over 55 years by showing that the intake of green tea was significantly related to a lower prevalence of cognitive impairments (Ng et al. 2008). In addition to preventing cognitive decline, green tea consumption might even lead to better cognitive performances in community-living older adults (Feng et al. 2010), which may indicate a cognitive enhancing effect in healthy subjects.
In der Diskussion werden dann die potentiellen biologischen Mechanismen (oxidativer Stress, NMDAR etc) sowie der Zusammenhang zur Alzheimer Erkrankung im Detail diskutiert (ganzer Abschnitt: Plasticity-dependent mechanism underlying the effect of green tea on cognitive functioning).

9. Frage: Rivella Grün enthält laut Ihrem Artikel 25g/l Fructose, dem Rivella blau wurden gemäss Paper 25g/l Sucrose hinzugefügt. Auf der Website von Rivella ist nachzulesen, dass Rivella Grün pro Liter 16g Lactose und 24g Fructose enthält (wörtlich: "1 Becher (250ml) enthält Zucker 10g - davon 4g Milchzucker aus Milchserum und 6g (Rest) Fruchtzucker"). Rivella Blau enthält laut Rivella-Website pro Liter 16g Lactose.

Die beiden Versuchsgetränke unterschieden sich ergo nicht nur hinsichtlich des Grünteeextrakts, sondern auch hinsichtlich der Zuckerarten. Versuchsrivella Grün: 16g Lactose + 24g Fructose, Versuchsrivella Blau: 16g Lactose (nicht Fructose) + (zugesetzte) 25g Sucrose. Können Sie ausschliessen, dass die von Ihnen beobachteten Effekte auf die Unterschiede der enthaltenen Zuckerarten zurückzuführen sind?

Antwort Borgwardt: Die beiden Getränke waren vom Geschmack her "equisweet". Rivella blau wurde mit Zucker versetzt (= Sucrose; diese besteht aus 1 Molekül Glucose plus 1 Molekül Fructose); dies ergibt für Rivella blau also in etwa 12.5 g Fructose der Rest Glucose). Für Details bitte auch Antwort auf Frage 10.

10. Frage: Lieferanten für Grünteeextrakt gibt es sehr viele. Die B2B-Plattform Alibaba nennt z.B. über 1'000. Sie liefern Grünteeextrakte unterschiedlichster Zusammensetzung. Der Titel Ihres Papers "Green tea extract enhances parieto-frontal connectivity during working memory processing" spricht generell von "Green tea extract". Die Zusammensetzung davon kann allerdings sehr stark variieren. Das Paper spezifiziert unter "Composition of test drinks" die Zusammensetzung des konkreten verwendeten Grünteeextrakts.

Inwiefern sind Ihre Beobachtungen verallgemeinerbar von jenem einen Extrakt von dem einen Lieferanten, den Rivella beimischt, zu anderen Extrakten anderer Lieferanten?

Antwort Borgwardt: Da wir keine anderen Extrakte untersucht haben, kann man anhand dieser Studie keine diesbezüglichen Schlüsse ziehen. Wir haben lediglich den im Paper beschriebenen Extrakt untersucht.

11. Frage: Gemäss der Etiketten unterscheiden sich die beiden von Ihnen verwendeten Rivellas in mehrfacher Hinsicht, nicht nur in der Tatsache, dass die grüne Variante Grüntee-Extrakte enthält. Zwar haben Sie, wie im Paper beschrieben, der blauen Variante Zucker (Sucrose) hinzugefügt, um den Gesamtzuckergehalt auszugleichen, aber dann sind da immer noch die Vitamine C (laut einiger Quellen hat dieses auch einen Einfluss auf die Gehirnaktivität) und B6, das Gerstenmalz-Extrakt, das in der grünen Variante drin ist, aber nicht in der blauen und die unterschiedlichen verwendeten Süssstoffe.
Darum stellt sich mir, mit Verlaub, umso dringender und ernsthafter die Frage, wie Sie so sicher sein können, dass die mittels bildgebender Verfahren beobachteten Unterschiede tatsächlich alleine auf das Grüntee-Extrakt zurückzuführen sind, und nicht auf einen der anderen, nur in Rivella Grün enthaltenen Stoffe. Insbesondere wäre ich froh, Sie könnten mir erläutern, was für Sie die überzeugenden Argumente sind, dass die beobachtete Wirkung vom Grüntee-Extrakt ausgeht und nicht von einem anderen Inhaltsstoff.

Antwort Borgwardt: In Rivella Grün sind enthalten in 250 / 500 ml: 30 / 60 mg Vitamin C und 0.75 / 1.5 mg Vitamin B6. Selbst wenn man eine 100% Aufnahme der Vitamine in das Blut (=Bioverfügbarkeit) annehmen würde, würde nach einmaliger, akuter Gabe von Rivella nur Butkonzentrationen von 30 mg / 5 Liter Blut = 6 mg/L (250 ml Rivella) oder 12 mg /L Vitamin C resultieren.

In diesen Konzentrationen ist Vitamin C ohne irgendwelche Effekte auf mentale Effekte, wie die nachfolgende Publikation zeigt:
Am J Clin Nutr. 1981 Sep;34(9):1712-6. Lack of effect on mental efficiency of extra vitamin C. Adam K. Abstract: Twenty men (mean age 21 yr) took part in a double-blind cross-over trial to compare psychomotor performance when plasma vitamin C levels were high (16.28 +/- 3.75 mg/l) owing to supplementation, with times when levels were low (6.15 +/- 3.88 mg/l). Subjects were tested at 0730, 1130, and 1900 h by an hour-long auditory vigilance test to assess alertness, a digit-symbol substitution task to test short-term memory, and a memory-for-digits test to measure immediate memory. No significant differences were found on these measures of performance, nor was there any change in their subjectively rated sheep quality, alertness, concentration, or mood.

Vitamin B6 scheint wenn überhaupt nur bei Langzeitgabe in Dosierungen bis 25 mg / Tag und dann vor allem bei Patienten mit einem Vitamin B6 Mangel kognitive Verbesserungen zu bewirken. im Grossen und Ganzen ist die Wirkung (der viel höheren Vitamin B6 Dosen) eher enttäuschend, siehe als Beispiel die folgende Studie:

J Nutr. 2007 Jul;137(7):1789-94. Heterogeneity and lack of good quality studies limit association between folate, vitamins B-6 and B-12, and cognitive function. Raman G1, Tatsioni A, Chung M, Rosenberg IH, Lau J, Lichtenstein AH, Balk EM. Abstract: We conducted a systematic review to evaluate the association between folate, vitamin B-6, vitamin B-12, and cognitive function in the elderly. Our search was conducted in Medline for English-language publications of human subjects from 1966 through November 2006; we supplemented these results with information from article reviews and domain experts. We included longitudinal cohort and case-control studies of B vitamins and analyses of cognitive tests or Alzheimer's disease. We evaluated the quality and heterogeneity of study outcomes and assessed 30 different cognitive function tests. Of 24 studies that met eligibility criteria, 16 were determined to be of fair quality. A majority of the studies reviewed 2 or more B vitamins. Considerable heterogeneity was found among B-vitamin-level thresholds, comparisons, and data analyses. Six of 10 folate studies reported a significant association between low baseline blood folate concentrations and subsequent poor test performance in the global cognitive domain, and 4 of 9 folate studies found associations between low blood folate concentrations and increased prevalence of Alzheimer's disease. Studies did not reveal an association of vitamin B-6 and vitamin B-12 blood concentrations with cognitive-test performance or Alzheimer's disease, nor was B-vitamin dietary intake associated with cognitive function. Higher plasma homocysteine concentrations were associated with poorer cognitive function. Although the majority of studies indicated that low blood folate concentrations predicted poorer cognitive function, data supporting this association were limited because of the heterogeneity in cognition-assessment methodology, and scarcity of good quality studies and standardized threshold levels for categorizing low B-vitamin status.

Das hat auch ein ein Cochrane Review bestätigt:

Cochrane Database Syst Rev. 2003;(4):CD004393. The effect of vitamin B6 on cognition. Malouf R1, Grimley Evans J. … REVIEWER'S CONCLUSIONS:
This review found no evidence for short-term benefit from vitamin B6 in improving mood (depression, fatigue and tension symptoms) or cognitive functions. For the older people included in one of the two trials included in the review, oral vitamin B6 supplements improved biochemical indices of vitamin B6 status, but potential effects on blood homocysteine levels were not assessed in either study. This review found evidence that there is scope for increasing some biochemical indices of vitamin B6 status among older people. More randomized controlled trials are needed to explore possible benefits from vitamin B6 supplementation for healthy older people and those with cognitively impairment or dementia.

Wir haben eine AKUTE Dosierung verabreicht. In der Literatur haben wir keinen Hinweis auf akute kognitive Effekte von Vitamin B6 gefunden.

Gerstenmalz wird in nicht genau spezifizierten, aber geringen Mengen zugesetzt. Es besteht vor allen aus Stärke (besteht aus verzweigtkettigen Glucose-Ketten) und Maltose (ein aus zwei verküpften Glucose-Molekülen). Beide werden vom Körper ebenso wie Sucrose (=Saccharose, besteht auch Glucose und Fruktose) nicht als solche aufgenommen, sondern erst nach Spaltung und die Einzelzucker. Somit ist der Unterschied durch die geringe Beimengung von Gerstenstärke vernachlässigbar.

Wie in wissenschaftlichen Publikationen üblich haben wir die von Ihnen erwähnten Limitationen der Studie auch in unserem Paper explizit diskutiert:

A further caveat is that there is a difference between using a soft drink containing green tea and a pure green tea extract. Oral ingestion of pure green tea extract would have avoided any cross effects or effects of other components as caffeine that may be involved in the positive effect of green tea extract on cognitive performance.

12. Frage: Es fällt mir leider erst jetzt auf: Sie schreiben im Paper unter "Experimental Design":

Participants received either 250 or 500 ml milk whey-based soft drink containing 13.75 and 27.5 g of green tea extract.

Lese ich das richtig? In ihrem Rivella Grün waren 27,5 Gramm Grünteeextrakt pro halbem Liter Getränk?
Die Mengenangabe auf der Ettikette auf der Rivella Grün Flasche im Laden lautet 0.05%. Das ist ein halbes Promille und wäre auf ein Kilogramm / einen Liter umgerechnet, Irrtum vorbehalten, ein Viertel Gramm pro halbem Liter oder 250mg, nicht 27,5 Gramm. Hat sich da irgendwie der Tippfehlerteufel in Ihr Manuskript eingeschlichen oder habe ich mich massiv verrechnet?

Antwort Borgwardt: In der definitiven Print-Version des Papers wird 27,5 mg (statt g) stehen.

Von mir etwas spät nachgereichte, drum wohl aus Zeitgründen bisher unbeantwortet gebliebene (und unbeantwortet bleibende?) Fragen:

13. Frage: Der konkrete, von Rivella verwendete Grünteeextrakt besitzt eine definierte, standardisierte Zusammensetzung. Jede Tasse selbst gebrühter Grüntee wird mehr oder weniger stark davon abweichen. Trotzdem verwendet die Medienmitteilung "Grüntee" und "Grüntee-Extrakt" quasi synonym. Als Illustration verwendet die Medienmitteilung der Uni Basel z.B. explizit eine Tasse Grüntee. Ebenso sprechen Sie im Paper in den Conclusions mal von "green tea extract enhances..." und mal von "green tea induced improvements". Halten Sie diese Gleichsetzung von standardisiertem Grünteeextrakt und in den Inhaltsstoffen natürlicherweise schwankendem Grüntee für zulässig?

14. Frage: Kann die Anlage des Versuchs ausschliessen, dass alleine das im Extrakt enthaltene Koffein für die beobachteten Effekte verantwortlich ist? Falls Nein: Hätte eine - standardisierte - Tasse Kaffee möglicherweise dieselben Effekte hervorgerufen?

15. Frage: Warum gibt es keine dritte Versuchsreihe mit Personen, die weder Rivella Blau noch Rivella Grün verabreicht erhielten? Als "Baseline" quasi, um zu sehen, in welche Richtung die Rivella-induzierten Effekte gehen. Vielleicht wären die Verknüpfungen ohne jedes Rivella noch besser? Vielleicht dämpft Rivella Blau die Verknüpfungen unter die Baseline?


Fragen an die Mediensprecherin von Rivella

  • Wie kommentieren Sie die Resultate (von Borgwardt et al.)?
  • Planen Sie, die Resultate Ihrerseits in Ihr Marketing für Rivella Grün einzubauen?
  • Wie und wann ist der Kontakt zwischen den Forschenden und Rivella zustande gekommen? (Insbesondere: Hat Rivella die Studie in Auftrag gegeben? Oder: Kamen die Forschenden von sich aus auf Rivella zu?)
  • Wie hoch waren insgesamt die "grants", mit denen Rivella die Studie unterstützt hat?

Antwort Rivella: Die von der Uni Basel (Universitätsspital Basel und UPK Basel) kürzlich veröffentlichte Studie ist Teil unserer umfassenden Analysen rund um Rivella Grün und seine Auswirkungen auf die Gehirnfunktion und geistigen Fähigkeiten, die bis ins Jahr 2001 zurück gehen.

Obwohl die Resultate der Studie vielversprechend waren haben wir uns entschieden, diese nicht weiter zu verfolgen, hauptsächlich aus folgenden Überlegungen:

  • Rivella Grün ist ein Erfrischungsgetränk und kein Heilmittel
  • in der Zwischenzeit hatte auf EU-Ebene eine immer stärkere Reglementierung von Gesundheitsaussagen für Lebensmittel stattgefunden
  • Umfassende weitere Studien mit grösseren Testgruppen wären nötig gewesen, um die Resultate zu bestätigen

Wir werden die Resultate der Studie nicht für unsere Kommunikation nutzen. Über den finanziellen Aufwand geben wir keine Auskunft.

Nachfrage, nach Erhalt der Antworten: Sie haben mir keine Auskunft gegeben darüber, wie der Kontakt zwischen Forschenden und Rivella zustande kam. Ich gehe davon aus, dass dies eine bewusste Entscheidung ihrerseits ist.

Antwort Rivella: Ja, das ist korrekt.

Patrik Tschudin

BPA: ECHA verschärft Risiko-Klassifizierung

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Das "Committee for Risk Assessment (RAC)" der europäische Chemikalienagentur ECHA in Helsinki befürwortet einstimmig die Höherstufung von Bisphenol A, BPA, in der Klassierung der Reproduktionstoxizität von Stufe 2 zu Stufe 1B. Das vermeldet unter anderem die Branchenwebsite foodqualitynews.com. Die Reaktion der Plastikindustrie liess nicht lange auf sich warten. "Kunststoffweb" schreibt:

(...) Der Verband der europäischen Kunststofferzeuger PlasticsEurope (Brüssel / Belgien) hat bereits Kritik an dem Ergebnis geübt. Nach Auffassung des Verbandes rechtfertigen die zur Bewertung herangezogenen Studien keine Neubewertung. (...)

The story continues...

Patrik Tschudin

Thermopapier Kassenzettel nur noch mit Handschuhen anfassen?

2 min read

Die "Deutsche Ärztezeitung" berichtete am 26. Februar 2014 über eine Studie von Shelley Ehrlich, Antonia M. Calafat, Olivier Humblet, Thomas Smith und Russ Hauser mit dem Titel

Handling of Thermal Receipts as a Source of Exposure to Bisphenol A

 im JAMA. Die DÄZ schrieb:

Nun haben US-Forscher um die Ärztin Dr. Shelley Ehrlich von der Universität in Cincinnati 24 Studenten freiwillig Kassenbons aus Thermopapier benutzen und anschließend Urinproben abgeben lassen. Zweimal mussten die Probanden das machen, einmal mit nackten Händen und einmal mit Nitrilhandschuhen (JAMA 2014; 311(8): 859-860).

Der Unterschied war eindeutig: Während nach zwei Stunden "Kassenbon-Fummeln" ohne Handschuhe die BPA-Werte im Urin deutlich nach oben schnellten, blieben sie mit Handschuhen im unteren Niveau.

Vor der ersten Simulation (ohne Handschutz) lagen die über das spezifische Uringewicht korrigierten BPA-Werte im Mittel bei 1,8 μg pro Liter Urin. Vier Stunden nach der zweistündigen Kassenbon-Probe stieg die Konzentration auf im Mittel 5,8 μg/l.

Von zwölf Studenten konnten die Forscher zudem noch drei spätere Proben nehmen - acht, zwölf und 24 Stunden nach dem Test. Auch hier waren die BPA-Level noch deutlich erhöht, mit 11,1, 10,5 und 4,7 μg BPA je Liter Urin.

Völlig anders war es bei der Kassenbon-Berührungs-Simulation mit Nitrilhandschuhen. Hier blieb die gemittelte BPA-Konzentration im Urin unter 2 μg/l auch nach der zweistündigen Kassenzettelprobe.

Unklar ist den Forschern allerdings, welche klinischen Implikationen ihr Versuch nach sich zieht. Denn auch sie wissen um die fehlende Evidenz möglicher Schäden oder Nicht-Schäden durch eine BPA-Exposition.

Eben!

Patrik Tschudin

«Glycsmomente» für die Universität Basel

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Der Universität Basel steht ein ausserordentlicher Geldsegen ins Haus. Für das Molekül eines ihrer Professoren zahlt Pfizer einem Partnerunternehmen der Uni vermutlich bald mehrere hundert Millionen Dollar. Zehn Prozent fliessen von dort weiter nach Basel. Der Anteil des Professors daran ist, finanziell gesehen, mehr wert als zehn Nobelpreise zusammen. Weitere ambitionierte Unternehmer-Professoren sind in den Startlöchern.

GLYCOMIMETICS FEATURED AS NASDAQ'S FIRST IPO OF 2014

Leicht gekürzt erschienen in der TagesWoche vom 7. Februar 2014.

Am 15. Januar 2014 ging die zwei Dutzend Angestellte zählende US-Pharma-Firma Glycomimetics an die New Yorker Technologiebörse NASDAQ und brachte 8 Millionen Aktien zu $8 unter die Leute. Der Börsengang, von der NASDAQ als erster im Jahr 2014 mit einem prominent platzierten Monsterplakat am New Yorker Times Square gefeiert, spülte netto rund $57 Millionen neues Geld in ihre Kasse. Heute ist Glycomimetics, geführt von der ehemaligen Novartis-Managerin Rachel K. King, an der Börse $175 Millionen wert, der Aktienkurs liegt bei knapp $10. Seit der Gründung am 21. Mai 2003, hautptsächlich mit Geld der US-Risikokapitalgesellschaft New Enterprise Associates, gab Glycomimetics $82,7 Millionen aus und nahm $23,5 Millionen ein. Ausser Aktien hat die Firma noch nie ein greifbares Produkt verkauft.

Glycomimetics Firmenschild

Trotzdem zahlte der Pharmakonzern Pfizer 2011 $22,5 Millionen Dollar in bar und versprach weitere $327 Millionen, plus Umsatzbeteiligung, für die weltweiten Rechte an der chemischen Verbindung mit dem Codenamen GMI-1070 im Portefeuille von Glycomimetics. Sich ausgedacht und gebaut hat das Molekül der Chemiker Beat Ernst am Biozentrum der Universität Basel.

GMI-1070 als Drahtmodell auf dem Tisch von Beat Ernst

Seit 2004 bezahlte Glycomimetics, laut Uni-Mediensprecher Matthias Geering, jedes Jahr rund $200’000 für die Arbeit von Ernst und einem Teil seiner Forschungsgruppe.

In einem Interview mit Schweizer Radio DRS2 erklärte Beat Ernst 2012, er und sein Team seien für «Design und Synthese» der Moleküle verantwortlich.

Danach wanderten diese zu Glycomimetics. Wo «an ihren Strukturen weitergearbeitet» werde und die Moleküle in Tierversuchen getestet würden. Dabei habe sich gezeigt, dass GMI-1070 äusserst effizient verstopfte Blutgefässe wieder durchlässig machen könne. Das war das klare Signal, die Substanz an Menschen auszuprobieren!

Im April 2013 schloss Glycomimetics die ersten Versuche an Patienten ab, die so genannten Phase-II-Tests. Die Substanz wurde 76 zwischen 12 und 60 Jahre alten Personen verabreicht, die an der Sichelzellenanämie leiden. Ein Symptom dieser Erkrankung der roten Blutkörperchen ist ein in Schüben auftretender, äusserst schmerzhafter Verschluss der Blutgefässe. GMI-1070 konnte diesen rascher beheben als ein Placebo, was zeigte, dass es wirkt.

Der Vertrag von Glycomimetics mit Pfizer sieht vor, dass die weiteren Tests bis zur Zulassung eines Medikaments in der Verantwortung des Pharmagiganten liegen. Laut der Übereinkunft zahlt Pfizer insgesamt $115 Millionen, wenn die ersten so genannten Phase-III-Tests beginnen (voraussichtlich Mitte 2014) und später der kommerzielle Verkauf des Medikaments in den USA und Europa anläuft. Weiter erhält Glycomimetics $70 Millionen, wenn die Zulassungsbehörden in den USA und Europa das Medikament bewilligen. Und bis $135 Millionen werden fällig, wenn gewisse Umsatzziele erreicht werden. Zudem erhält Glycomimetics einen Anteil an kommenden GMI-1070-Umsätzen. Dieser bewege sich zwischen 10% und 40%. Laut Dokumenten der us-amerikanischen Börsenaufsicht reicht er «from the low double digits to the low teens», je nach Geschäftsgang..

Von den in Aussicht stehenden $327 Pfizer-Millionen und den Umsatzbeteiligungen gehen immer 10% an die Universität Basel. So steht es im Kooperationsvertrag von 2004 zwischen Glycomimetics und Hochschule. Laut Artikel 16 der «Ordnung über Nebentätigkeiten, Vereinbarungen mit Dritten und die Verwertung von geistigem Eigentum im Rahmen der universitären Tätigkeit» sieht der uniinterne Verteilschlüssel so aus: 30% davon erhält die Universität als ganze, 30% gehen an die Organisationseinheit bei der Beat Ernst tätig ist, das Departement Pharmazeutische Wissenschaft, und 40% des Uni-Anteils an den Pfizer-Millionen stehen Ernst zu. Das ergibt im besten Fall für ihn rund $13 Millionen. Sollte sich das GMI-1070-Medikament als Umsatzrenner erweisen bei Pfizer, kommt möglicherweise noch Einiges mehr hinzu. Zum Vergleich: Bis anhin erwirtschaftet die 554 Jahre alte Universität Basel aus Lizenzen und Patenten pro Jahr rund 300’000 Franken.

Nachbarschaften

Ob der 5%-Anteil, den die Universität seit April 2013 hält an der Basler GeneGuide AG, je ähnlich ihre Kassen klingeln lassen wird, steht noch in den Sternen. Zwei Neuropsychiater der Universität, Dominique de Quervain und Andreas Papassotiropoulos, gründeten GeneGuide am 3.4.2013 in den Räumen der Advokatur Vischer mit Fr. 52'500.-. Laut ihren Statuen bezweckt die Firma «die Herstellung und den Vertrieb von Produkten und die Erbingung von Dienstleistungen auf dem Gebiet der Life Sciences, insbesondere der Neurowissenschaften.» Die GeneGuide AG ist daheim an der Birmannsgasse 8, zur Untermiete bei der Abteilung für Kognitive Neurowissenschaften der Uni Basel, wo ihre Gründer arbeiten. Die Telefonnummer der GeneGuide ist dieselbe wie jene ihres Arbeitsplatzes. Für den Tisch, den die GeneGuide derzeit belegt, zahlt sie der Universität Fr. 2’820 pro Jahr.

Unbenannt

Papassotiropoulos und de Quervain verfügen über sehr umfangreiches Datenmaterial von 2’500 zwischen 18 und 35 Jahre alten Personen, gewonnen aus Befragungen, Verhaltens- und Gedächtnistests, Gehirnuntersuchungen mit verschiedenen bildgebenden Verfahren und genetischen Analysen von Blut- und Speichelproben. Dieser Datenberg gehört der Universität Basel.

Die TagesWoche konnte den Vertrag zwischen GenGuide und Universität einsehen. Gemäss der Vereinbarung lizenziert sie diese Information bis 2028 an GeneGuide gegen den Aktienanteil und eine Umsatzbeteiligung im tiefen zweistelligen Bereich. Der Vertrag verpflichtet GeneGuide, sich aktiv für die Kommerzialisierung der Daten einzusetzen und jährlich über entsprechende Aktivitäten und Umsätze zu rapportieren. Untätigkeit wäre ein Vertragsbruch.

Papassotiropoulos und de Quervain wollen durch die geschickte Interpretation der Daten ihrer 2’500 Probanden neue, psychopharmakologische Einsatzgebiete finden für bereits bekannte Medikamente. Am 22. Oktober 2013 vermeldete die Uni Basel einen ersten Treffer: «Durch Genanalysen entdeckt: Medikament reduziert negative Erinnerungen». Die Profs hatten die etablierte, antiallergisch wirkende Substanz Diphenhydramin getestet. Sie stellten laut Uni-Communiqué fest, dass sie «zu einer signifikanten Reduktion der Erinnerungsfähigkeit von zuvor gesehenen negativen Bildern» führe. Erlebt vielleicht ein angejahrtes Anti-Histaminikum einen zweiten Frühling als «Pille danach» für traumatische Erlebnisse?

Auch bei GeneGuide hat die Industrie den Fuss in der Türe. Laut der Universität bestehe «eine erste Zusammenarbeit mit dem biopharmazeutischen Unternehmen Amgen».

Patrik Tschudin

To Zhang or not to Zhang, that is the question... Teil II

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Remember Teil 1? Kenneth W. Witwer hat sich die Sache mit der microRNA nochmals angesehen und darüber am 16. Januar 2014 den Artikel publiziert:

Transfer and functional consequences of dietary microRNAs in vertebrates: Concepts in search of corroboration

Den Inhalt des Papers erklärt er in diesem Video:

Patrik Tschudin

Welche Wissenschaft wollen wir?

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Die Universität Basel schafft den Bereich Wissenschaftsforschung ab. Ein kurzsichtiger Entscheid.

(für TagesWoche Printausgabe vom 10.1.2014)

Sie geht ohne Groll, Sabine Maasen, nur noch bis Ende Januar Professorin für Wissenschaftsforschung und -soziologie an der Uni Basel. Sie schaut nach vorne. Ihr «Programm für Wissenschaftsforschung», unterwegs seit Anfang der 2000er-Jahre, wird abgewickelt. Seine Projekte am Rheinknie laufen aus. Die Mitarbeitenden, die meisten mit befristeten Verträgen, müssen weiterziehen.

Die Wissenschaftsforschung in Basel analysierte in den letzten zehn Jahren unter anderem den Entstehungsprozesses des Gesetzes über die Forschung am Menschen, untersuchte das Wissenschaftsmanagement an Schweizer Unis und beobachtete die Risikodiskussion rund um die Nanotechnologie.

In München baut Maasen ab Frühling 2014 an der Technischen Universität ein mit mehreren Millionen Euro dotiertes Zentrum zur Erforschung der wechselseitigen Beeinflussung von Gesellschaft und Wissenschaft auf, das Munich Center for Technology in Society. Für Maasen ist es ein Karriereschritt, für Basel ein doppelter Verlust.

Ungewöhnliches Vorgehen

Nicht nur verliert die Uni eine ­pro­filierte Wissenschaftlerin. Auch ihr Lehrstuhl wird nicht wieder­besetzt, sondern «aus finanziellen Gründen neu ausgerichtet». So formuliert es Roberto Lazzari, Geschäftsführer der Philosophisch-Historischen ­Fakultät.

Die Mittel der Wissenschafts­forschung verschiebt die Uni in die Politologie, dort zugunsten ­einer zweiten Professur. Die zuständigen Gremien der Universität fassten den Beschluss im Frühling 2013, als intern bekannt wurde, dass ­Maasen nach München wechseln würde.

Dass Hochschulen bei Abgängen die Budgetzuteilung unter die Lupe nehmen, ist courant normal. Dass ein Forschungsfeld bei der Gelegenheit aber gleich ganz gestrichen wird, ist eher ungewöhnlich. Im Fall der Wissenschaftsforschung in Basel war es eine Abschaffung mit Ansage.

Als der Universitätsrat im Herbst 2012 den Trägerkantonen Basel-Stadt und Baselland unterbreitete, was die Uni an Geldern brauche, um ihre auf sechs Schwerpunkten fus­sende, seit 2011 entwickelte «Strategie 2014» voll umzusetzen, kam er bis 2017 auf einen Mehrbedarf von 55 Millionen Franken pro Jahr. Das fand selbst er «nicht realistisch», wie es im Antrag heisst, und drückte den Betrag von sich aus auf 20 bis 30 Millionen. Als ein Mittel dazu stellte er in Aussicht, bis 2017 gut 15 Millionen Franken einzusparen «durch Verzichtsplanung bei vakant werdenden Professuren». Also mittels Stellenabbau und -umlagerung.

Feilschen ums Geld

Das reichte den Regierungen in Liestal und Basel aber nicht, und sie kürzten der Universität die beantragten Beitragserhöhungen «deutlich», wie sie in ihrem Beschluss vom 27. August 2013 schreiben. Die Uni wünschte, dass von 2014 bis 2017 die Kantonsbeiträge von 324 auf 356 Millionen Franken pro Jahr steigen sollen. Davon liessen die Regierungen ein Wachstum von 321 auf 329,5 Millionen übrig. Dieses reduzierte Wachstum der Uni bis 2017 segneten die Parlamente in Basel und Liestal Mitte Dezember ab.

In dieses Feilschen zwischen Universität und Regierungen um die Beitragserhöhungen hinein erhielt Sabine Maasen das Angebot aus München. Den uniinternen Entscheidern, wohl ahnend, dass ihre finanziellen Begehrlichkeiten nicht im gewünschten Masse befriedigt würden, kam dies offenbar gelegen. Sie exerzierten durch, was sie in ihrem Antrag mit «Verzichtsplanung bei vakant werdenden Professuren» gemeint hatten. Das bedeutete das Aus für die Selbstreflexion der Wissenschaft an der Universität Basel.

Kein Interesse für Ab- und Umbaupläne der Uni

Der Entscheid fiel faktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Zwar ist der Universitätsrat verpflichtet, das Organ der Oberaufsicht über den Universitätsvertrag zwischen Baselland und Basel-Stadt, die Interparlamentarische Geschäftsprüfungskommission (IGPK), «umfassend und rechtzeitig zu informieren im Rahmen ihrer Zuständigkeiten». Aber IGPK-Mitglied Urs Müller-Walz vom Grünen Bündnis hatte bis zur Anfrage der TagesWoche «keine Kenntnis davon, dass der Bereich Wissenschaftsforschung gestrichen werden soll». Er hält es für einen «Affront gegenüber den politischen Entscheidungsträgern im Landrat und im Grossen Rat, dass darüber nicht informiert wurde». Und er fordert, die kritische Auseinandersetzung mit der Forschung müsse für die Universität «zentral sein und auch in Zukunft bleiben», sonst sei «die Gefahr einer unkontrollierten Verselbstständigung der Forschung real».

Der «Fall Wissenschaftsforschung» ist der erste, der öffentlich wurde. Weitere «Umlagerungen» werden wohl folgen. Zwar wissen die Parlamente in Basel und Liestal, dass Professuren gestrichen würden, seit ihre Mitglieder den regierungsrätlichen Ratschlag zur Uni-Finanzierung Ende August 2013 auf den Tisch bekamen. Aber weder in Basel noch in Liestal erhob sich ­bisher eine parlamentarische Stimme und verlangte Auskunft über die konkreten Ab- und Umbaupläne an der Universität. Dass davon die Hätschelkinder des von Pharma- und Industrieinteressen dominierten Universitätsrats, die Life Sciences, ausgenommen sein werden, ist so ­sicher wie das Amen in der Kirche.

Dabei wären gerade vor diesem Hintergrund jene Fragen zu diskutieren, über die Ueli Mäder, Sozio­logieprofessor an der Uni Basel, sagt, sie würden nach der Streichung der Professur von Sabine Maasen hier weniger erforscht: «Wie kommen wir zu unseren Erkenntnissen? Wie hängen Erkenntnis und Interesse zusammen?»

Patrik Tschudin

Das Aus für die Wissenschaftsforschung an der Uni Basel

7 min read

Die Universität Basel streicht das «Programm für Wissenschaftsforschung». Sein Budget fliesst ans Europainstitut. Zehn Mitarbeitende stehen auf der Strasse. Die Politik wurde nicht informiert über die Abschaffung der wissenschaftlichen Selbstreflexion.

(für TagesWoche online, 6.1.2014)

Wie tickt Wissenschaft? Was treibt ihre Akteure an? Wo wirkt die Einmischung von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft?

Solchen Fragen ging seit zehn Jahren das Basler «Programm für Wissenschaftsforschung» nach, geleitet von Sabine Maasen. Sie war seit 2001 an der Universität Basel tätig, seit 2009 als ordentliche Professorin für Wissenschaftsforschung. Nun wechselt Maasen nach München, wo sie die Leitung des im Aufbau befindlichen Munich Center for Technology in Society übernimmt.

Maasens damit in Basel frei werdenden Lehrstuhl streicht die Universität. Die Wissenschaftsforschung wird abgeschafft. Laut einem Insider seien deswegen rund zehn Personen in Basel «kurz- oder mittelfristig ohne Stelle als Folge des Weggangs».

Das «Programm für Wissenschaftsforschung» analysierte in den letzten zehn Jahren unter anderem den Entstehungsprozesses des Gesetzes über die Forschung am Menschen, es untersuchte das Wissenschaftsmanagement an Schweizer Unis und betrieb Studien zur Kulturgeschichte der Ernährungswissenschaften.

«Wir kennen keine Abschaffung»

Gefragt nach den Gründen für die Streichung der wissenschaftlichen Selbstreflexion, sagt Uni-Kommunikationschef Matthias Geering: «An der Universität Basel kennen wir keine Abschaffung von Bereichen; vielmehr ist es so, dass die verschiedenen Gremien (Departement, Fakultät, Rektorat) sich bei jeder Neubesetzung über die Ausrichtung der neuen Professur – ob im Sinne der Fortsetzung der bestehenden Ausrichtung oder im Sinne einer Neuorientierung – Gedanken machen.»

Dabei seien diese Gremien zum Schluss gekommen, dass man «den für die Entwicklung der Sozialwissenschaften wichtigen Bereich der Politologie festigen» wolle und darum das Budget der Wissenschaftsforschung dorthin umlagern werde. Die künftig mit dem Budget von Maasen alimentierte neue Professur für Politikwissenschaften ist bereits ausgeschrieben. Die Bewerbungsfrist endet am 15. Januar.

«Gemäss unseren Informationen stehen keine Mitarbeitende auf der Strasse», schreibt Geering in einer Stellungnahme zu den Umlagerungen. «Es kann sein, dass gewisse befristete Verträge auslaufen. Weder mir noch dem Geschäftsführer der Philosophisch-Historischen Fakultät, Roberto Lazzari, noch der Personalabteilung sind aber Kündigungen von unbefristeten Verträgen bekannt.»

Die Politologie steckt in Basel bisher in den Kinderschuhen.

Die Politologie steckt bisher in Basel «in den Kinderschuhen», wie Roberto Lazzari, Geschäftsführer der Philosophisch-Historischen Fakultät, es auf Anfrage ausdrückt. Erst seit knapp einem Jahr existiert eine einzelne ordentliche Professur für Politikwissenschaft an der Uni Basel, gehalten von Laurent Goetschel, Direktor der Schweizerischen Friedensstiftung Swisspeace. Diese Professur ist am Europainstitut beheimatet.

Ein fachkundiger, namentlich nicht genannt sein wollender Beobachter setzt grosse Fragezeichen hinter diese Umlagerung. Er fragt sich, «wie Basel im Bereich der Politologie in der Schweiz oder international irgendwie auffallen» könne. Andere Universitäten seien da viel besser aufgestellt.

Ein vergleichender Blick auf die ausgebauten politikwissenschaftlichen Angebote der Hochschulen in Bern, Genf, Lausanne, Zürich, St. Gallen und Luzern bestätigt, dass jenes in Basel zwar ambitioniert, aber doch eher bescheiden ist.

Neuausrichtung aus finanziellen Gründen

Mit der «aus finanziellen Gründen notwendig gewordenen Neuausrichtung» der Professur für Wissenschaftsforschung «geht eine Schwächung dieses Bereiches einher», gibt Geschäftsführer Lazzari zu. Die Fakultät bedauere diese Entwicklung. Die Umlagerung der Mittel diene unter anderem der «Stärkung und Neupositionierung des Europainstitiuts Basel (EIB)», sagt Lazzari.

Das EIB nennt sich seit einigen Monaten Institute for European Global Studies. Unter «internationale Kooperationspartner» listet das Institut mit – neuerdings – dem «Global» im Namen allerdings erst die East China Normal University of Shanghai, den «Cluster Asien und Europa» der Universität Heidelberg und das auf Chinesischunterricht und Wirtschaftsaustausch spezialisierte, je zur Hälfte vom chinesischen Staat und der Uni Basel finanzierte Konfuzius-Institut am Steinengraben auf.

Europainstitut hat bessere Lobby

In Stiftungsrat und Förderverein ist das EIB durchsetzt mit den «üblichen Verdächtigen» aus Wirtschaft, Politik und Advokaturbüros der Nordwestschweiz (Roche, Novartis, UBS, Baloise, Vischer Advokatur etc.). Das EIB vermittle «Kompetenzen, die sich die Wirtschaft von ihren Mitarbeitern wünscht», lässt sich Thomas Staehelin, Präsident der Handelskammer beider Basel, auf der EIB-Website zitieren. So aufgestellt, hatte das EIB offenbar die bessere Lobby im universitätsinternen Verteilkampf. Es stach die selbstkritische Wissenschaftsforschung aus.

«Ziemlich deprimierend»

An der ETH Zürich befasst sich Michael Hagner hauptamtlich mit diesem Forschungszweig. Er konstatiert, dass nach der Streichung der Professur in Basel «die soziologisch orientierte Wissenschaftsforschung in der Schweiz überhaupt nicht mehr vertreten» sei, «was dann doch ziemlich deprimierend» sei. Übrig blieben laut Hagner «die eher epistemologisch orientierten Professuren von Christoph Hoffmann in Luzern, Bruno Strasser und Marcel Weber in Genf und meine Stelle».

Hagner beobachtet, dass man sich «vor 25 und auch noch vor 10 Jahren» dafür interessierte, «welche kognitiven, technischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Triebkräfte für die Dynamik und Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnis relevant sind». Heute habe er «den Eindruck, dass sich für diese Frage nicht mehr allzu viele Wissenschaftsplaner und -manager interessieren».

Stattdessen wollten diese wissen, «welche sozialen und ökonomischen Auswirkungen» Wissenschaft und Technologie hätten. Natürlich sei diese Frage relevant, «aber man tut so, als könnte man sie hinreichend gut beantworten, ohne die Verfasstheit der Wissenschaften selbst zu kennen». Er denke, «dass man mit dieser halbierten Fragestellung nicht allzu weit kommt.»

Ueli Mäder hält Wissenschaftsforschung für «unabdingbar»

An der Universität Basel bedauert Soziologieprofessor Ueli Mäder die Streichung der Professur von Sabine Maasen. Er hält für die Uni Basel eine Wissenschaftsforschung für «unabdingbar, die wirklich die Selbstreflexion fördert, gerade im Kontext des raschen technologischen und sozialen Wandels». Künftig würden wichtige Fragen – «Wie kommen wir zu unseren Erkenntnissen? Wie hängen Erkenntnis und Interesse zusammen?» – in Basel weniger erforscht.

Laut Mäder gibt es in der Philosophisch-Historischen Fakultät «immerhin eine (kleine) Debatte darüber, wie sich dieses wichtige Anliegen wieder stärker aufnehmen liesse». Und er ergänzt, seine Fakultät habe die «zu begrüssende» Politikwissenschaft ursprünglich über zusätzliche Mittel aufbauen wollen. Nicht auf Kosten eines bestehenden Angebotes.

Parlamente überlesen Streichkonzert an der Uni

Mitte Dezember 2013 genehmigten die Parlamente von Basel-Stadt und Baselland rund 1,2 Milliarden Franken, die in den kommenden vier Jahren an die Universität Basel fliessen. Im entsprechenden Ratschlag des baselstädtischen Regierungsrates und wortgleich in der Vorlage an den Landrat war an mehreren Stellen davon die Rede, dass die Uni mehrere Professuren sowohl streichen als auch umdefinieren werde. Fünf Millionen Franken würden so eingespart und neun Millionen Franken umgelagert. Welche Bereich davon konkret betroffen sein würden, führte weder die baselstädtische noch die basellandschaftliche Vorlage aus.

Weder in Basel noch in Liestal stellte im Parlament jemand die Frage, was denn an der Universität gestrichen und umgelagert werde. Es interessierte nicht, wer an der Uni, der man gerade 1,2 Milliarden Franken an Staatsbeiträgen bewilligte und der man eine Erhöhung der Studiengebühren um über 20 Prozent aufnötigte, zu den forschungspolitischen Verlieren gehören wird, geschweige denn, warum.

Unangekündigte Streichung ein «Affront» gegenüber der Politik

Schirmherrin über den Universitätsvertrag zwischen Basel-Stadt und Baselland ist die Interparlamentarische Geschäftsprüfungskommission (IGPK). Das oberste Organ der Universität Basel, der Universitätsrat, präsidiert von Ulrich Vischer, ist laut Universitätsvertrag verpflichtet, die IGPK «umfassend und rechtzeitig zu informieren im Rahmen ihrer Zuständigkeiten».

IGPK-Mitglied Urs Müller-Walz vom Grünen Bündnis hatte bis zur Anfrage der TagesWoche «keine Kenntnis, dass der Bereich Wissenschaftsforschung gestrichen werden soll», wie er sagt. Müller-Walz hält es für einen «Affront gegenüber den politischen Entscheidungsträgern im Land- und Grossrat, dass darüber nicht informiert wurde». Bei der Wissenschaftsforschung gehe es «zentral um die kritische Begleitung der Modeausrichtung Life Sciences».

Gefragt danach, wie er die Abschaffung dieses Forschungszweiges an der Uni Basel inhaltlich bewerte, gibt IGPK-Mitglied Müller-Walz zu Protokoll: «Die kritische Auseinandersetzung mit der Forschung muss für die Universität zentral sein und auch in Zukunft bleiben, sonst ist die Gefahr einer unkontrollierten Verselbständigung der Forschung real. Die IGPK ist gefordert.»